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„Wir hatten seinerzeit kein Englisch auf der Bürgerschule, sagt Ürdinger. Englisch ist zwar leicht, sagt er, aber mehr zum Sprechen als zum Lesen und Verstehen. Englisch sprechen kann jeder, er braucht nur einen Knödel in den Mund zu nehmen. Wenn einer mit vollem Mund spricht, spricht er im wesentlichen Englisch. Dabei kann er an und für sich ruhig Deutsch sprechen, sagt Ürdinger, aber dort, wo durch den Knödel im Mund das Deutsche unverständlich wird, beginnt das Englische, das ist genau die Sprachgrenze zwischen dem Deutschen und dem Englischen. Anders, sagt Ürdinger, als mit dem Sprechen, das jeder kann, der Ungeübte mit, der Geübte ohne Knödel, verhält es sich mit dem Lesen und Verstehen des Englischen. Beim Lesen und Verstehen des Englischen hilft der Knödel natürlich nicht, das muß man gelernt haben, sagt er. Mit dem Französischen steht es in gewisser Weise ganz ähnlich, sagt er, ein Italiener beispielsweise kann auch Französisch, es ist für einen Italiener leicht, Französisch zu sprechen. Wenn ein Italiener unbedingt Französisch sprechen will, braucht er sich nur die Nase ein wenig zuzuhalten und seine italienische Muttersprache zu sprechen. Sobald das Italienische bei der Nase herauskommt, ist es Französisch. Denn das Wesen des Französischen liegt nach Ürdingers Verständnis im Näseln begründet. Wenn sich ein Italiener die Nase zuhält, spricht er im wesentlichen Französisch. Wenn sich ein Deutscher die Nase zuhält, spricht er auch Französisch, aber nicht in dem Maße rein, wie der Italiener, was mit der romanischen Sprachverwandtschaft zusammenhängt, sagt Ürdinger.
Muß sich der Deutsche, frage ich ihn, vielleicht nur die Nase fester zuhalten als der Italiener, um das Französische rein und perfekt zu sprechen? Das mag helfen, sagt er. Wenn ich aber auch als Italiener oder als Deutscher, als Italiener besser, als Deutscher weniger gut, Französisch sprechen kann, relativ leicht Französisch sprechen kann, indem ich mir die Nase zuhalte oder eine Wäscheklammer an die Nasenflügel klemme, so heißt das leider nicht, daß ich als Italiener oder als Deutscher oder von welcher anderen Nationalität ich dann auch bin, mit zugehaltener Nase oder mit einer Wäscheklammer am Riecherker das Französische auch verstehen kann. Verstehen nicht, sagt Ürdinger. Ich kann mich stundenlang mit zugehaltener Nase über den französischen Text beugen, er wird mir dadurch nicht verständlicher, ich kapiere nichts, aber auch gar nichts. Aussprache und Bedeutung gehen auseinander, sagt er, im Englischen und im Französischen. Im Deutschen fallen sie zusammen, sagt er, und das ist das Schöne an dieser Sprache.“

(Alois Brandstetter: Zu Lasten der Briefträger, Salzburg 1974)

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