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Vor einem Jahr habe ich mit großem Vergnügen Alois Brandstetters Buch Zu Lasten der Briefträger (1974) gelesen und daraus auch in diesem Blog ein paar schöne Sätze zitiert.

2011 hat Brandstetter eine Fortsetzung veröffentlicht, die Zur Entlastung der Briefträger heißt. Die Lektüre ist eine Qual. Ein paar Beispiele mögen dies veranschaulichen:

– Und wenn ich alle „Kurzen“ und „Stamperl“ und „Schnapserl“ zu mir genommen hätte, die mir angeboten worden sind, wäre ich ja schon am Vormittag blau und fett gewesen, wie meine Uniform! […] Du hast das Trinkgeld „einkommensneutral“ und „wertsicher“ versoffen, sagte Deuth zu Ürdinger. (S. 9)

– Der Blumauer, unser lieber Franz, hat sich die delikate und anonyme, die „diskrete“ Post ohne Absender immer vorgenommen und „bearbeitet“, „Einschau“ gehalten. (S. 11)

– Mach dir um die einmal keine Sorgen!, sagte Blumauer. Die finden sich schon zurecht. Jedenfalls kommen sie auf ihre Rechnung, was das „FUN“ betrifft. Sie definieren sich ja geradezu als „Fun Generation“ … Da sind wir Alten mit unseren biederen spießbürgerlichen Vorstellungen von Stammtisch und „gemütlichem Beisammensein“ die reinsten Waisenknaben … (S. 19)

– Dieser Mensch, dieser „Adjutor“, wie die Lateiner einen Nachhilfelehrer nennen würden, hat sich durch seine ständige Beschäftigung mit dem Altertum und seine „Studien“ ein wenig in die Vergangenheit verrannt und verirrrt. Hat er sich „verstudiert“? (S. 40)

So geht es munter weiter, pro Seite selten weniger als zehn Wörter oder Begriffe in Anführungszeichen, oft in überflüssiger Kombination mit dem Wort sogenannt (meistens zusammen-, selten getrennt geschrieben):

– sogenannte „Zechen“, sogenannte „Kracherl“, sogenannte „Schartner Bomben“ (alle S. 16)
– sogenanntes „letztes Evangelium“ (S. 18)
– so genannte „Laufhäuser“ (S. 20)
– sogenannte „Privatisierung“ (S. 23)
– private „Sicherheitsdienste“ mit sogenannten Bodyguards mit Pokerfacevisagen (S. 24)
– sogenannte Maturareisen, sogenanntes „Sightseeing“ (S. 44)
– sogenanntes „Abtanzen“ (S. 46)
– sogenanntes Bum-Oida-Idiom (S. 47)
– sogenannte „übertragene“ und „uneigentliche“ Ausdrücke (S. 54)

Die Anführungszeichen sind in diesem Buch keine Lesehilfe. Sie zitieren fast nie, führen in den seltensten Fällen eine andere semiotisch-pragmatische Textebene an und lassen sich auch kaum als ironische Gänsefüßchen rechtfertigen. In dieser Häufung stören sie nicht nur das Textbild und den Lesefluß, sondern zerstören den Text und damit die Freude am Lesen. Ich bin über S. 76 nicht hinausgekommen und verschenke das Buch an Selbstabholer oder gegen Erstattung der Portokosten.

NB: Lesens- und Bedenkenswertes zum Thema Gänsefüßchen findet sich hier: http://www.belleslettres.eu/artikel/gansefusschen-anfuhrungszeichen.php

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