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Seit heute morgen ist der amerikanische Disney Channel in Deutschland frei empfangbar. So sieht die Plakatwerbung aus:

Disney

„Disney für alle“ wäre schlimm genug gewesen, aber dagegen hätte man sich wehren können. Gegen „Disney für uns alle“ kann man sich nicht wehren.

Wo ist der Unterschied?

Wenn ich „Disney für alle“ lese, kann ich mir sagen: „Nein, danke, mich interessiert das nicht“, so wie ich auch, wenn es Freibier für alle gibt, dankend ablehnen kann: „Ich trinke nur Wein.“ „für alle“ bedeutet „für all diejenigen, die daran interessiert sind“. Bei „wir alle“ und „für uns alle“ dagegen wird eine Gemeinschaft Gleichgesinnter gestiftet, aus der sich niemand ausschließen kann.

So hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, in einem Vorwort zur Sonderausgabe der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 2008 geschrieben: „Der sechzigste Jahrestag der Annahme der Erklärung ist für uns alle ein Grund, uns erneut zu der durch sie verkörperten Vision zu bekennen.“ In seiner Grundsatzrede „Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken“ vom 22. Februar 2013 hat Bundespräsident Joachim Gauck seine Vision eines friedlichen Europas skizziert und dabei gesagt: „Wir alle in Europa haben große politische und wirtschaftliche Vorteile von der Gemeinschaft.“ Und zur Bundestagswahl 2013 hat der DGB die Worte „Für uns alle“ zu seinem Motto gemacht: „Wir alle haben ein Recht auf gute Arbeit. Und verdienen einen sicheren Ruhestand. In einem sozialen Europa. Mit einem handlungsfähigen Staat. Doch die Regierung lässt uns allein. Gemeinsam können wir das ändern: Gute Arbeit, sichere Rente, soziales Europa, aktiver Staat. Für uns alle.“ Immer wird an die Gemeinschaft und an das Solidaritätsgefühl mit den in dieser Gemeinschaft Verbundenen appelliert. Nicht umsonst hat Angela Merkel im letzten Sommer Hohn und Spott geerntet, als sie sagte „Das Internet ist für uns alle Neuland“.

Leider ernten Disney und die verantwortliche Werbeagentur Serviceplan weder Hohn noch Spott, denn wem fällt es auf, daß es die Interessengemeinschaft, die hier beschworen wird, gar nicht gibt?

Wer ist es, der auf dem Plakat spricht oder zitiert wird? Wer fordert oder stellt fest „Disney für uns alle“? Der Sender selbst kann es nicht sein, auch die Werbeagentur kommt nicht in Frage. Auf der Photomontage sind die Wahrzeichen einiger deutscher Städte zu sehen, darunter der Berliner Fernsehturm und das Brandenburger Tor, der Kölner Dom und die Münchner Marienkirche. Das heißt: Die in Deutschland Wohnenden sprechen hier mit einer Zunge, vereint in dem Wunsch nach frei empfangbarem Disney-Kanal. Aber es ist die Werbung des Konzerns, gemacht von einer Werbeagentur. Beide scheinen sich mit den Fernsehzuschauern zu verbrüdern. Aber während das „wir“ oder „uns“ suggeriert, die Leute würden als Individuen innerhalb einer Gemeinschaft ernstgenommen, gibt es in Wirklichkeit nur den Konzern und die Agentur mit ihrem Profitwillen einerseits und auf der anderen Seite die Einzelpersonen, die zu Hause vor ihren Fernsehgeräten sitzen und weder untereinander noch mit dem Sender kommunizieren.

Käme man am Ende auf die Idee, den Disney-Konzern kulturindustrieller Machenschaften zu verdächtigen?

Als weiterführende Lektüre in Sachen Fernsehen, Kulturindustrie und Entmündigung empfehle ich Ulrich Oevermanns wunderbaren Aufsatz: „Zur Sache. Die Bedeutung von Adornos methodologischem Selbstverständnis für die Begründung einer materialen soziologischen Strukturanalyse“, in: Adorno-Konferenz 1983, hrsg. von Ludwig von Friedeburg und Jürgen Habermas, Frankfurt a. M. 1983, S. 234-289.

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