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Die Einemstraße am Nollendorfplatz war seit 1934 nach Karl Wilhelm Georg August Gottfried von Einem (1853-1934) benannt, einem preußischen Offizier und (zwischen den Kriegen, von 1903 bis 1909) Kriegsminister, der im Alter von rund 80 Jahren den Nationalsozialisten gehuldigt haben soll und homophob war. Einen Vorzug zumindest hatte er, für den er aber nichts konnte: die Kürze seinens Nachnamens. Aus guten Gründen hat man die Straße denn auch Einemstraße und nicht Karl-Wilhelm-Georg-August-Gottfried-von-Einem-Straße genannt.

Trotzdem: Der Mann und damit auch der Straßenname waren politisch nicht korrekt. Nun hatte der Jurist und Journalist Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895), der „erste Schwule der Weltgeschichte“ (Volkmar Sigusch), 1867 auf dem Deutschen Juristentag die Abschaffung antihomosexueller Gesetze gefordert. Als Vorbild und Inspirationsquelle der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen hat er eine Straße verdient, sagten die Schwulen Juristen. Die Bezirksverordnetenversammlungen Schöneberg und Tiergarten stimmten zu, und so heißt die ehemalige Einemstraße seit dem 1. Januar 2014 Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße.

Frauenquote

Warum nicht einfach Ulrichsstraße? Wahrscheinlich, weil dann niemand wüßte, wer gemeint ist (so wie die meisten Leute das auch von Einem nicht wissen). Wer dort wohnt und künftig immer den langen neuen Namen schreiben muß, wird sich gewiß ärgern. Aber als Deutscher bekommt man wenigstens die Aussprache von sch-s-sch-t-r einigermaßen hin. Wer je in einem Auto mit französischer Navi gesessen hat, wird seinen frankophonen Freunden empfehlen, künftig einen Bogen um die Straße zu machen, und englischen Zungen dürfte es bei der Aussprache nicht besser gehen. Karl-Heinrich-Ulrichs-Weg wäre sicher die bessere Wahl gewesen.

Ein anderer Aspekt macht mir – als Frau, sozusagen – mehr zu schaffen. So hat sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg im Jahr 2005 für Straßennamen eine Frauenquote von 50 % auferlegt. Bis diese Quote erreicht ist, werden in der Regel nur weibliche Namen vergeben. Als das Jüdische Museum kürzlich den kleinen Platz vor der neuen Akademie des Museums nach Moses Mendelssohn benennen wollte, einigte man sich nach wochenlangen Diskussionen darauf, Mendelssohns Ehefrau mitzunennen; der Platz heißt jetzt Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz.

Die Bezirke Schöneberg und Tiergarten haben noch keine Frauenquote. Was aber wäre, wenn doch? Die Frau des Herrn Ulrichs wäre ja keine Frau, sondern ein Mann – oder schlimmer noch: wechselnde Männer! Und überdies hätten die Männer alle einen eigenen Nachnamen. Da würde die Länge womöglich arg strapaziert: Wilhelm-August-Müller-und-Johann-Friedrich-Cotta-und-Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße. Oder man nähme nur den letzten Partner. Da Ulrichs die letzten 12 Jahre in L’Aquila lebte, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß es ein Italiener war. Mit etwas Glück hätte er einen im Deutschen weiblich klingenden Vornamen: Andrea, Nicola, Gabriele …, so daß das Mißgeschick nicht sofort auffiele.

Wie werden die Prioritäten gesetzt? Werden die männlichen Partner von Schwulen als Männer oder als Frauen gezählt? Welcher Partner wird erwähnt, welcher nicht? Wie lassen sich eine Frauenquote, eine Homosexuellenquote und eine Linkenquote unter einen Hut bringen? Und welche Quoten stehen uns noch bevor? Fragen über Fragen.

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