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Ein unbekannter Nutzer hat kürzlich in meinem Blog eine Frage zum Ausdruck “entgleisende Gesichtszüge” gestellt und auf eine längere Diskussion http://german.stackexchange.com/q/22043/266 hingewiesen, an der er auch beteiligt war.

Ich war zunächst der Meinung, „entgleisende Gesichtszüge“ sei eine Metapher, ausgehend von der Grundbedeutung, daß ein Zug aus den Gleisen gerät. Darüber hinaus sei es ein durch die Polysemie von „Zug” bedingtes Wortspiel.

Der unbekannte Nutzer hat dann zu bedenken gegeben, daß nur entgleisen kann, was auf Gleisen/Furchen/Spuren fährt. „Gesichtszüge entgleisen“ bedeute dagegen, daß die (Gesichts-)Linien selbst die Konturen ändern (es fährt ja nichts auf ihnen). Weil der Vergleich mit anderen – rollenden – Zügen nicht stimmt, könne „entgleisen” hier keine Metapher sein.

Ich muß ihm recht geben, und bei längerem Nachdenken finde ich, daß die „entgleisenden Gesichtszüge“ auch als Wortspiel nicht funktionieren, ja sogar eine ausgesprochen schlechte sprachliche Konstruktion sind. Warum?

Unter dem Begriff „Gesichtszüge“ werden all jene Merkmale zusammengefaßt, die die Prägung und den Ausdruck eines Gesichts ausmachen: Form und Farbe der Augen, Augenbrauen, Schnitt von Mund und Nase, Wangenknochen, Kinn, Stirn, etc. Man spricht von ebenmäßigen, edlen, feinen, klassischen, slawischen, männlichen, weichen, sanften, strengen, verhärmten Gesichtszügen. Zu den markanten Gesichtszügen gehören der Schmollmund (Brigitte Bardot), eine krumme Nase (Barbra Streisand), ein spitzes Kinn (Michael Schumacher), kräftige Augenbrauen (Theo Waigel). Was, bitte, könnte da bei Kontrollverlust aufgrund von überwältigenden Emotionen entgleisen?

Unter entgleisenden oder entgleisten Gesichtszügen kann ich mir nichts konkretes vorstellen. Wer danach googelt, wird denn auch feststellen, daß die Bilder sich gar nicht gleichen und mehr oder weniger beliebig sind: Eine dümmlich grimassierende Miss Schweiz ist ebenso zu sehen wie ein aggressiv die Zähne fletschender Jürgen Klopp oder eine erschöpfte Angela Merkel. Mein Fazit: Da hat irgendein Journalist gemeint, er hätte ein tolles Wortspiel gefunden, es wird niemals hinterfragt, aber hundertfach kopiert, und dann denkt der Leser, dieses Wortspiel sei ihm seit jeher geläufig und habe eine womöglich jahrhundertealte Berechtigung. In Wirklichkeit ist die Konstruktion schlecht, weil daneben und obendrein unpräzise, und man sollte sie schleunigst vergessen.

Wer nicht weiß, was er stattdessen sagen oder schreiben soll: Weiche Gesichtszüge können sich verhärten, strenge Gesichtszüge können beim Lächeln entspannen, bei Dekonzentration oder Auflösung der Persönlichkeit zerlaufen. Die Gesichtsmuskeln können vor Angst einfrieren oder erstarren, man kann die Augen entsetzt aufreißen, den Mund oder das ganze Gesicht vor Ekel verziehen, gewollt oder ungewollt zur Grimasse oder im Schmerz verzerren, eine Kinnlade kann herunterklappen, eine Stirn sich in Falten legen, der Blick milchig werden. Man kann die Fassung verlieren. Das sind sehr konkrete Bilder, bei denen man den jeweiligen Gesichtsausdruck recht klar vor Augen hat und die obendrein den Gefühlszustand der Person ziemlich genau beschreiben (oder zumindest zu beschreiben versuchen).

Nachtrag vom Nachmittag: Und dann gibt es noch das wunderbare Bild, das der von mir ansonsten nicht sehr geschätzte Hellmuth Karasek 1994 in einer Filmrezension zitiert hat: Es geht um Walter Matthau, „von dessen Gesicht man schon damals sagte, es sehe aus, als hätte gerade jemand drin geschlafen“.