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In den letzten Wochen und Monaten waren immer wieder Meldungen wie diese zu lesen und zu hören (1):

  • Bei einem Erdbeben in … gab es mindestens 100 Tote; mindestens 3.000 Menschen sind obdachlos geworden.
  • Bei einem Terroranschlag in … sind mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen.
  • Beim Absturz einer Maschine der … wurden alle 296 Insassen getötet.

In vielen Nachrichten wird Bezug genommen auf frühere Meldungen (wie 1). Das Wissen über das zuvor Berichtete wird dann vorausgesetzt, und es wird über Ereignisse oder Maßnahmen berichtet, die damit in Beziehung stehen bzw. daraus resultieren (2):

  • Nach dem gestrigen Flugzeugabsturz … ist … nach … gereist.
  • Nach dem Anschlag vom vergangenen Montag wurden fünf Personen vorläufig festgenommen.
  • Nach den Anschlägen … hat die Polizei die Sicherheitsmaßnahmen erhöht.
  • Nach der Geiselnahme ist der mutmaßliche Täter geflüchtet.

In letzter Zeit mischen sich aber immer öfter Sätze wie die folgenden in die Nachrichten (3):

  • Nach den Anschlägen in … vom vergangenen Freitag ist die Zahl der Toten auf 83 gestiegen.
  • Nach dem gestrigen Flugzeugabsturz … hat sich die Zahl der Todesopfer auf 275 erhöht.

Sie scheinen demselben Muster zu folgen wie die Sätze unter (2); auch hier wird Bezug genommen auf Ereignisse, über die zuvor schon berichtet worden ist. Die Sätze unter (3) sind aber unsinnig, zumindest verwirrend, weil grammatisch falsch. Warum?

Adverbiale Bestimmungen der Zeit (Temporaladverbiale) beantworten die Frage, wann etwas geschieht oder geschehen ist. Adverb bedeutet: zum Verb gehörend, d. h. adverbiale Bestimmungen beziehen sich auf das Verb des jeweiligen Satzes. Bei den Sätzen unter (2) klar und einleuchtend: Wann ist der Außenminister gereist? – Nach dem Flugzeugabsturz. Wann wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft? – Nach den Anschlägen.

In den Sätzen unter (3) funktioniert das aber nicht. „Nach den Anschlägen“ oder „Nach dem Flugzeugabsturz“ ist nämlich keine korrekte Antwort auf die Frage, wann sich die Zahl der Opfer erhöht habe. Es sei denn, es hätte auch vor den Anschlägen bzw. vor dem Flugzeugabsturz schon Opfer gegeben, was aber offenkundig nicht der Fall ist, denn die Opfer waren ja gerade Opfer des Anschlags bzw. Absturzes.

Woher der Fehler kommt, ist klar: Es hat einen Anschlag, einen Flugzeugabsturz, ein Erdbeben gegeben, und die Zahl der Toten wird zunächst geschätzt und in den Nachrichten verbreitet. Später werden mehr Tote geborgen. Die Zahl der Opfer muß also korrigiert werden, meistens nach oben. Sie ist aber nicht tatsächlich gestiegen – die Opfer waren ja sofort Opfer. Ich bin sicher, daß in den Redaktionen niemand verschleiern möchte, daß zunächst falsche Zahlen genannt wurden. Es ist ja keine Schande, wenn man nur das berichtet, was man sicher weiß. Eine saubere Formulierung wäre trotzdem zu wünschen, gerade bei solchen Schreckensmeldungen.

 

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