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Seit ein paar Wochen sieht man – ganz selten – Leute mit diesen Taschen herumlaufen:

Tasche

Man ist sofort irritiert. Jude? Dann eine Abkürzung, JB, dann zwei männliche Vornamen, einer niederländisch, einer englisch, alle Namen ohne Leerzeichen jeweils verbunden durch das kommerzielle &.

Nur Eingeweihte verstehen, was gemeint ist: Das sind die Namen der vier Protagonisten von Hanya Yanagiharas Roman A Little Life, der vor kurzem in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die Taschen werden seitdem in ausgewählten deutschen Buchhandlungen verkauft.

Ich finde es erstaunlich, daß man die Werbung aus den USA hier 1:1 übernimmt, obwohl der erste Vorname gleichlautend mit dem deutschen Wort „Jude“ ist. Auch die Reihenfolge der Namen ist erklärungsbedürftig; Willem müßte an zweiter statt an dritter Stelle stehen; JB und Malcolm sind eher Randfiguren. ein-wenig-leben.de ist auch merkwürdig, denn A Little Life ist ein amerikanisches Buch, und das wird auf der Tasche irgendwie geleugnet, indem es – genauso wie der Name der Autorin – verschwiegen wird. Als ob der Hanser-Verlag sich gewissermaßen selbst feiert, das Buch selbst geschrieben hätte. Äußerst seltsam, finde ich, und es zeugt nicht gerade von einem souveränen Umgang mit ausländischer Literatur. Man könnte es als ungeschickten Entschuldigungsversuch dafür lesen, daß die deutsche Übersetzung erst erscheint, nachdem die Geschichte den Roman mit der Wahl Donald Trumps gewissermaßen eingeholt hat.

Es bleibt auch eine spannende Aufgabe, zu untersuchen, warum die Romanfiguren von den Leserinnen und Lesern so gefeiert und teilweise behandelt werden, als seien sie lebende Personen. Wer würde Taschen mit dem Aufdruck „Eduard & Charlotte & Otto & Ottilie“ herumtragen?

Für alle Berlinerinnen und Berliner: Hanya Yangihara wird morgen abend in Berlin mit Daniel Schreiber über ihr Buch sprechen, und Kathleen Gallego Zapata wird Passagen daraus in der deutschen Übersetzung vorlesen (Dussmann, 19 Uhr).

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