Kieker im Jahreslaub

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kieker

Gesehen und photographiert in Międzyzdroje (Misdroy) auf der polnischen Ostseeinsel Wolin/Wollin. Der Text versteht sich von selbst …

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lapidarisieren

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In einem Bericht über die amerikanische Lehrerin Erin McAuliffe, die angeklagt ist, drei minderjährige Schüler sexuell mißbraucht zu haben, konnte man bei Stern/Neon vorgestern ein Interview mit dem Kinder- und Jugend-Psychiater und Traumaexperten Dr. Andreas Krüger lesen. In der Überschrift wird er mit dem Satz zitiert: „Bei Jungen wird sexueller Missbrauch oft lapidarisiert“.

Lapidarisiert? Was soll denn das bedeuten? Lapidar heißt „kurz und knapp“; es kommt von lat. lapis, der Stein (enthalten in Lapislazuli und Lapidarium), und hat etymologisch mit den knappen und präzisen Inschriften auf Steinen zu tun. Meinen tut der Psychiater aber, daß der sexuelle Mißbrauch bei Jungs verharmlost, bagatellisiert wird. Dagegen wollte er wohl behaupten, dies sei gerade keine Lappalie. Zu dem Wort Lappalie (einer spöttischen, latinisierenden Bezeichnung für eine belanglose Angelegenheit, abgeleitet von Lappen im Sinne von Lumpen) gibt es aber kein Verb, da bot es sich an, es mit „bagatellisieren“ zu vermischen.

Ich habe ein bißchen recherchiert; das Wort taucht selten, aber immer wieder mal auf; der bisher erste von mir im Netz gefundene Eintrag ist von Herp de Graaf und datiert vom 27. Juli 2004, 1:28 Uhr:

„kann falsch sein, vorher schon zu „lapidarisieren“,
aber wer weiß das schon, was tatsächlich geschehen wird,
Schrödingers Katze vielleicht…“

Zunächst findet man den Begriff nur in der Privatsprache von Blogs und Kommentaren, in der ja prinzipiell alles erlaubt ist, aber jetzt trifft man zunehmend in Zeitungsartikeln und Büchern darauf.

Hier ein paar Beispiele:

2005, Der Standard:
„Auch darüber erzählt Masannek gern: dass Fußball eine gute Schule (fürs Leben) sei, in der man lernt, ‚unter Druck und ohne Ausreden zu wachsen‘. Viel zu viel werde heute bei Kindern unter dem Motto ‚Macht doch nichts‘ lapidarisiert. ‚Den Kindern macht es schon was aus. Und sie entwickeln, wenn man sie lässt, auch einen gewissen Einfallsreichtum.’“

2011, Matthias H. W. Braun, Burnout-Watcher:
„Eine weit verbreitete Verhaltensweise ist das sogenannte ‚Lapidarisieren‘. Gerade sehr leistungsbereite und leistungsorientierte Menschen tendieren dazu, bereits Erreichtes im nachhinein gedanklich abzuwerten.“

2012, Naika Foroutan, „Wie geht die deutsche Gesellschaft mit Vielfalt um? Das Beispiel Muslime

Es geht um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ und darum, daß kritische Reaktionen auf dieses Buch „im Rückblick zu häufig in die Richtung tendierten, dieses Buch nicht als Stimmungsbild einer Gesellschaft zu deuten, sondern als Werk eines sich profilierenden Ex-Politikers zu lapidarisieren.“

Ein großer Fan des Wortes ist Carsten Müller von Jenakultur:
29.12.2015, Thüringische Landeszeitung
Kultur darf nicht lapidarisiert werden

In einem Gespräch mit Jenakultur-Chef Carsten Müller über Pläne für die Ernst-Abbe-Bibliothek, eine touristische Neuorientierung Jenas und über Geld heißt es:

„Was mich manchmal zornig macht, ist, wenn Kultur lapidarisiert wird. Kultur ist harte und wichtige Arbeit. Kultur ist ein harter Standortfaktor.“

11.1.2017, Thüringer Allgemeine
„‚Sexismus hat weder im Berufsleben noch in der Freizeit etwas zu suchen‘, sagt Carsten Müller. ‚Bei dem Treffen soll es darum gehen, wie Veranstalter auf dieses Problem noch besser reagieren können. Wir bei Jenakultur als Veranstalter neigen jedenfalls nicht dazu, das Thema Sexismus zu lapidarisieren.'“
Ich habe bisher keinen einzigen sprachkritischen Kommentar zu „lapidarisieren“ gefunden, und es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der neue, unsinnige Gebrauch des Wortes Allgemeingut geworden ist und kein Mensch mehr nach dem Stein fragt.

KunstKochen

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Gewiß, Kochen hat manches mit Kunst zu tun: die phantasievolle Komposition der Gerichte, das malerisch-kunstvolle Arrangement der Speisen auf dem Teller. Rossini hat bekanntlich zuerst Opern geschrieben und sich dann aufs Kochen verlegt, und auch unter den bildenden Künstlern gab und gibt es überproportional viele Feinschmecker. Das ist alles geschenkt.

Doch sollte man dieses Verhältnis auch nicht überstrapazieren und Malerei und Kochen auf Teufel komm raus zusammenzwingen, wie es das Frankfurter Städel (man möchte meinen: eine Kulturinstitution) gerade tut, indem es sich dem Kommerz in Gestalt von Alnatura allerunterthänigst an den Hals wirft. Entstanden ist ein kulturindustrielles Projekt namens KunstKochen (schon wieder die Binnenmajuskel; sie erhöht die Bedeutsamkeit) – zwölf Kunstwerke aus dem Städel sollen die Klientel von Alnatura dabei zu „außergewöhnlichen Rezeptideen“ anregen.

Wie schief diese Idee ist, kann man schon an den verqueren sprachlichen Beschreibungen des Projekts festmachen. So steht auf der Webseite des Städels der mysteriöse Satz: „Das enge Verhältnis zwischen diesen beiden Disziplinen wird deutlich durch Stillleben, die gemalte Lebensmittel opulent in Szene setzen oder umgekehrt durch Künstler, die essbare Lebensmittel in ihre Kunst integrieren“ [Hervorhebungen von mir]. Was soll man dazu sagen?

Das erste Bild im Mai war Édouard Manets Krocketpartie, auf dem keine Lebensmittel zu sehen sind: 

Manet 1

Im Alnatura-Magazin (Mai) steht dazu ein recht schwachsinniger Text, der am Wesen der Malerei vollkommen vorbeigeht. Darin heißt es u. a., Manet gebe die Krocketspieler „in scheinbar ungekünstelten Posen wieder“. Ja, was ist denn Malerei? Welcher Maler hat seine Modelle in actu überrascht und ruckizucki abgemalt, als sie gerade ganz authentisch und ungekünstelt irgendwo nackt auf einer Decke lagen oder auf einem Pferd zum Kampfe zogen? Anders gefragt: Warum sollte ein Maler seine Modelle in ganz offensichtlich gekünstelten Posen darstellen?

Es wird noch schlimmer, nämlich moralisch: „Auch sind die beiden Paare keine Eheleute, sondern Manets Malerkollege Alfred Stevens, sein Freund Paul Roudier und zwei Modelle – die dargestellte bürgerliche Idylle erweist sich als Trugbild“.

Manet 2Trugbild wovon? Trugbild für wen? Das ist doch alles Quatsch! Das Bild heißt nicht ohne Grund „Krocketpartie“ und eben nicht „Ehe“ oder „bürgerliche Idylle“. Als ob der Betrachter dieses Kunstwerks eine real existierende, ungekünstelte bürgerliche Idylle sehen will und nicht vielmehr die künstlerisch gelungene Darstellung einer Krocketpartie.

immer der Nase nach

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„Ein Nasal (auch Nasallaut, deutsch Nasenlaut) ist ein nach seiner Artikulationsart benannter Konsonant. Bei den oralen Lauten legt sich der hintere, weiche Teil des Gaumens (das Velum) an die Rachenrückwand und verschließt so den Nasenraum. Bei den Nasalen wird ein oraler Verschluss erzeugt und das Velum senkt sich, so dass die Luft größtenteils durch die Nase ausströmt. Der Nasenraum und der von hinten bis zur Verschlussstelle reichende Teil der Mundhöhle dienen dabei als Resonanzraum. Nasale sind meist stimmhaft. … Das Deutsche kennt die (stimmhaften) Nasale ​[⁠m⁠]​, ​[⁠n⁠]​ und ​[⁠ŋ⁠]​.“ So steht es bei Wikipedia.

Im Chor werden Nasale beim Einsingen gesungen, um die Konzentration, das Aufeinanderhören und die Resonanzbildung zu trainieren.

Warum ich das hier schreibe? Ich weiß es auch nicht! Mir ist nur aufgefallen, daß Vodafone in seiner Werbung für das GigaDepot (Binnenmajuskel in der Eigenschreibung) nur Nasale – allerdings sehr inkonsequent – durcheinanderbringt.

gigadepot

Der Sinn hat sich mir nicht erschlossen. Irgendwer eine Idee?

 

 

 

Du siehst mich

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Fast vom Rad gefallen bin ich, als ich vor gut einem Jahr um eine Häuserecke bog und plötzlich dieses Plakat vor Augen hatte:

Kirchentag 2017 1

„Du siehst mich“ – wer soll dieses „Du“ sein? Und warum hat das Du oder das Ich – je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet – so farblose, ja, leblose Glubschaugen? Solche Augen können doch gar nicht sehen!

Jetzt, zum Evangelischen Kirchentag, sieht man diese Augen auf orangefarbenem Hintergrund auf allen möglichen Werbeträgern in der ganzen Stadt, und ich bin bei diesem Anblick immer wieder bestürzt und erschüttert.

Daß der Erfinder, Stefan Wegner von der Werbeagentur Scholz & Friends, von seiner Idee begeistert ist („Deutlicher kann man den freundlichen Blick, das offene Interesse am Gegenüber nicht darstellen“) und nicht mehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden kann („ich freue mich, wenn ich von diesen Augen gesehen werde“), muß nicht weiter verwundern. Wenn aber die Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au die beiden Kulleraugen, die bestenfalls einem Plüschtier gehören könnten, „fröhlich und einladend“ findet, wenn überhaupt ein solches Motiv als Logo für einen Kirchentag gewählt wird, kann man sich fragen, was für ein Gottesbild die evangelische Kirche vermitteln will und wie ernst sie sich und ihre Mitglieder nimmt.

Zugegeben, das Plakat ist ein echter Hingucker – aber geht es nur ums Hingucken? Gläubige wie Nichtgläubige können sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen hier infantilisiert werden und der Glaube lächerlich gemacht wird – und damit wird ein Vorurteil bedient, gegen das die Kirche ohnehin und auch ohne solche Hingucker genug zu kämpfen hat.

Immerhin ist mir an der Gedächtniskirche ein ganz hübsches Photo gelungen.

Kirchentag 2017 2

Ein wenig Leben

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Seit ein paar Wochen sieht man – ganz selten – Leute mit diesen Taschen herumlaufen:

Tasche

Man ist sofort irritiert. Jude? Dann eine Abkürzung, JB, dann zwei männliche Vornamen, einer niederländisch, einer englisch, alle Namen ohne Leerzeichen jeweils verbunden durch das kommerzielle &.

Nur Eingeweihte verstehen, was gemeint ist: Das sind die Namen der vier Protagonisten von Hanya Yanagiharas Roman A Little Life, der vor kurzem in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die Taschen werden seitdem in ausgewählten deutschen Buchhandlungen verkauft.

Ich finde es erstaunlich, daß man die Werbung aus den USA hier 1:1 übernimmt, obwohl der erste Vorname gleichlautend mit dem deutschen Wort „Jude“ ist. Auch die Reihenfolge der Namen ist erklärungsbedürftig; Willem müßte an zweiter statt an dritter Stelle stehen; JB und Malcolm sind eher Randfiguren. ein-wenig-leben.de ist auch merkwürdig, denn A Little Life ist ein amerikanisches Buch, und das wird auf der Tasche irgendwie geleugnet, indem es – genauso wie der Name der Autorin – verschwiegen wird. Als ob der Hanser-Verlag sich gewissermaßen selbst feiert, das Buch selbst geschrieben hätte. Äußerst seltsam, finde ich, und es zeugt nicht gerade von einem souveränen Umgang mit ausländischer Literatur. Man könnte es als ungeschickten Entschuldigungsversuch dafür lesen, daß die deutsche Übersetzung erst erscheint, nachdem die Geschichte den Roman mit der Wahl Donald Trumps gewissermaßen eingeholt hat.

Es bleibt auch eine spannende Aufgabe, zu untersuchen, warum die Romanfiguren von den Leserinnen und Lesern so gefeiert und teilweise behandelt werden, als seien sie lebende Personen. Wer würde Taschen mit dem Aufdruck „Eduard & Charlotte & Otto & Ottilie“ herumtragen?

Für alle Berlinerinnen und Berliner: Hanya Yangihara wird morgen abend in Berlin mit Daniel Schreiber über ihr Buch sprechen, und Kathleen Gallego Zapata wird Passagen daraus in der deutschen Übersetzung vorlesen (Dussmann, 19 Uhr).

Erinnerung heilen

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In der Sendung Kulturtermin des rbb Kulturradios, die freitags Themen aus Religion und Gesellschaft behandelt, wurde am frühen Abend über einen Versöhnungsgottesdienst berichtet, der morgen in der Michaeliskirche in Hildesheim gefeiert wird.  Weil ich parallel telefonierte und obendrein die Spülmaschine lief, war meine Aufmerksamkeit gering und der Geräuschpegel hoch, und ich habe nur wiederholt „healing of memories“ verstanden. Als ich das googelte, war ich erstaunt zu lesen, daß es sich um den zentralen ökumenischen Gottesdienst zum Reformationsjubiläum handelt, der vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, und dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr.* Heinrich Bedford-Strohm, gemeinsam geleitet wird und zu dem Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel erwartet werden. Wer sich da versöhnen will, sind deutsche Protestanten und deutsche Katholiken. Daß das nicht so leicht ist, auch und gerade nicht im Jahr des Reformationsjubiläums (was haben Katholiken da zu feiern?), ist klar. Aber kann man die Erinnerung besser heilen, wenn der Prozeß unter einem englischen Motto stellt?

Wenn man ein bißchen gezielter googelt, stößt man auf die Geschichte des Begriffs. „Healing of Memories“ (HoM) wurde erstmalig als seelsorgerlich-therapeutisches Verfahren in der – auf Einzelpersonen bezogenen – Täter-Opfer-Arbeit zur Aufarbeitung von Verletzungen in Südafrika in Anwendung gebracht (dort sitzt auch das Institute for Healing Memories). Es fand in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre Eingang in Europa im Zusammenhang mit Aufarbeitungsprozessen zwischen den christlichen Kirchen in Nordirland und hat sich seitdem weiter verbreitet, wie in dieser Skizze beschrieben.

Daß für den Gottesdienst in der Simultankirche Hildesheim das englische Motto gewählt wurde, kann also nur bedeuten, daß man die Versöhnung zwischen deutschen Protestanten und deutschen Katholiken in diesen globalen Rahmen eingebettet wissen will.

Der Gottesdienst wird morgen, am Samstag, den 11. September ab 17 Uhr in der ARD übertragen.

* NB: Auch Reinhard Marx hat promoviert, aber im Unterschied zu den Protestanten führen die Katholiken ihre Titel in der Öffentlichkeit nicht spazieren.

kleines k

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Bei vielen Dingen, denen ich im Netz begegne, frage ich mich, wer sich diesen Schwachsinn ausgedacht hat und warum alle ihn mitmachen. Eines der jüngsten Beispiele ist das kleine k. Seit ich bei Pinterest registriert bin, bekomme ich ständig Hinweise auf „new topics I might love“, und dabei erfahre ich nebenbei, daß der topic „carrot cakes“ 6k, der topic „healthy food“ 201k, der topic „loose curls updo wedding hairstyle“ 19,4k und der topic „cat-a-holic“ 4,2k followers hat.

4,2 Kilo was?, frage ich mich. Es können ja nicht 4,2 Kilo followers gemeint sein, das wäre ja gerade mal ein Neugeborenes.

Mit ein wenig Recherche bekommt man natürlich schnell heraus, was gemeint ist: das k steht für 1000, also 4.200 Leute verfolgen cat-a-holic und 201.000 verfolgen gesundes Essen. Nicht schlecht!

Verwirrend ist zunächst, daß das kleine k nicht wie gewohnt als Präfix (Vorsilbe) wie in Kilogramm (1 kg = 1000 g), Kilometer (1 km = 1000 m) und Kilokalorien (1 kcal = 1000 Kalorien) daherkommt, sondern nachgestellt ist. Noch seltsamer ist, daß Menschen hier sprachlich nicht in Tausenden, sondern in Kilo abgezählt werden, gewissermaßen nicht als Zahl, sondern als Masse, diese aber sehr reduziert (s. o.).

Auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite zur Zahl 1000 steht dazu: „As such, people occasionally represent the number in a non-standard notation by replacing the last three zeros of the general numeral with „K“: for instance, 30K for 30,000.“https://en.wikipedia.org/wiki/1000_(number)

Was einst occasionally geschah und als non-standard galt, wird mit Pinterest alltäglicher sprachlicher Standard.