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Das Plakat zur ARD-Themenwoche, zu dem ich schon am 13. geschrieben habe, hat mir keine Ruhe gelassen. Also noch einmal ausführlicher.

Auf den Plakaten steht:
Sie werden sterben.
Lasst uns darüber reden.

Zuerst habe ich gestutzt: Wer wird sterben? „sie“ als 3. Person Plural, also die anderen? Welche anderen? Nein, es ist viel eher „Sie“ gemeint, die höfliche Anrede im Singular oder Plural. Dazu passt auch die Hervorhebung des Wortes in fetter, großer Schrift. Man fühlt sich sofort angesprochen. Also ist der zweite Satz falsch, denn es gibt keinen Grund dafür, im ersten Satz zu siezen und im zweiten zu duzen. Korrekt müsste es heißen:

Sie werden sterben.
Lassen Sie uns darüber reden.

Aber warum nicht gleich „Wir werden sterben“? Wenn es heißt „lasst uns / lassen Sie uns darüber reden“, dann fordert ja jemand zum Reden auf, der sich an dem Gespräch beteiligen will. Und wer sprechen kann, ist ein Mensch und wird folglich auch sterben.

Wenn man den Test macht und die grammatisch korrekten Versionen vergleicht, was fällt auf?

1. Wir werden sterben.
Lasst uns darüber reden.
Das klingt sehr sachlich, aber gleichzeitig sehr vertraulich. So könnten Eltern ihren Kindern ankündigen, dass sie sehr krank sind und vor ihrem Tod gerne einige Dinge in Ruhe besprechen würden. Das „wir“ bezeichnet in diesem Fall ein anderes Subjekt als das „uns“ – „wir“ sind die Eltern, „uns“ bedeutet die ganze Familie. Die Erfahrung des Todes steht aber allen bevor – den einen als Sterbenden, den anderen als Hinterbliebenen.

2. Wir werden sterben.
Lassen Sie uns darüber reden.
Wir werden sterben: wir alle. Weil es uns alle betrifft, sollten wir gemeinsam darüber sprechen, uns austauschen. Man könnte sich so die Begrüßungsworte in einem Bibelkreis vorstellen, in dem es um das Thema Tod geht. Oder – als Grenzfall – den Beginn der Ansprache des Kapitäns auf einem sinkenden Schiff. Das „wir“ ist in beiden Fällen eine Art Schicksalsgemeinschaft und der Tod eine allen bevorstehende gemeinsame Erfahrung.

3. Sie werden sterben.
Lassen Sie uns darüber reden.
So kann ein Arzt zu seinem Patienten sprechen, wenn er ihm ankündigt, dass er eine unheilbare Krankheit hat und bald sterben muss. In dem Fall ist es völlig in Ordnung, dass der Arzt sich nicht einbezieht. Er leugnet ja nicht, dass er selbst sterben wird, aber hier im beruflichen Kontext geht es nicht um den Austausch von Gedanken zum Tod, zu dem beide gleichberechtigt etwas beisteuern, sondern um die Vorbereitung des Patienten, um die Ermunterung an ihn, sich auszusprechen, von seinen Ängsten und Sorgen zu erzählen. So könnte auch ein Priester sprechen, der zu einem Sterbenden oder zu einem zum Tode Verurteilten gerufen wird. (Ein Kontext, in dem das „Sie“ einen Plural bezeichnet, in dem also jemand, der nicht sterben wird, zu mehreren Personen spricht, die allesamt sterben werden, ist schwer vorstellbar.)

Vor diesem Hintergrund der korrekten Formulierungen muss die tatsächlich gewählte misslungene verstanden werden:

4. Sie werden sterben.
Lasst uns darüber reden.
Es geht nicht – wie in 1 und 2 – um eine geteilte Erfahrung, über die in einem vertrauten Kreis gesprochen wird. Das „Sie“ schafft Distanz, besonders dann, wenn es so groß und fett auf den Plakaten steht. Es wirkt zunächst schockierend, man fühlt sich als Einzelner unmittelbar angesprochen, als stünde der eigene Tod knapp bevor. Aber es geht nicht um das Jetzt, und der Sprecher bzw. Absender der Botschaft ist kein Arzt und auch kein Priester, der mir persönlich zusprechen will. Es ist das Fernsehen, hier die ARD. Wenn das Fernsehen so tut, als sei es ein Arzt oder ein Priester, dann ist das übergriffig. Vordergründig soll Gemeinschaft gestiftet werden, aber es ist eine Gemeinschaft, von der der aufrufende Veranstalter sich schon distanziert hat. Das Übergriffige wird dadurch noch verstärkt, dass man im zweiten Satz sogar geduzt wird.

„Lassen Sie / Lasst uns darüber reden“ ist übrigens noch aus einem anderen Grund falsch. Denn wir (die Leser des Plakats) sollen ja gar nicht mitreden – wir sollen Fernsehen gucken und Radio hören. Reden tun die Journalisten und die eingeladenen Gäste, vor laufenden Kameras. Das Fernsehen inszeniert sich wieder einmal selbst.

Da wundert es auch nicht, wenn die ARD wirbt: „Noch bis zum 23. November widmet sich die ARD im Fernsehen, im Radio und im Internet einem Thema, das jeden betrifft und trotzdem tabubehaftet ist: Sterben und Tod.“ Hier wird so getan, als würde das Fernsehen das Thema enttabuisieren und damit eine aufklärerische Rolle übernehmen. Dabei sind Sterben und Tod Themen, von denen in Familien, unter Freunden, mit Ärzten und in der Kirche – also privat – sehr wohl und zwar ständig gesprochen wird. Das Fernsehen ist nur nicht dabei.

Als „Paten“ des multimedialen Programmprojekts der ARD „engagieren“ sich übrigens die Theologin Margot Käßmann, der Kabarettist Dieter Nuhr und der ARD-Moderator Reinhold Beckmann. Na denn!

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