Erfolg – die 2.

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“Die US-Raumsonde New Horizons hat per Signal ihren erfolgreichen Vorbeiflug am Zwergplaneten Pluto bestätigt”, hieß es heute in den Inforadio-Nachrichten. Einen ähnlichen Wortlaut liest man auf tageschau.de: “Zum ersten Mal hat ein Flugkörper von der Erde den fernen Zwergplaneten Pluto erreicht. Die Raumsonde ‘New Horizons’ bestätigte in der Nacht per Signal den erfolgreichen Vorbeiflug.”

Nun ist das nach neun Jahren und fünf Milliarden geflogenen Kilometern sicher eine großartige Leistung, aber die Formulierung “erfolgreicher Vorbeiflug” ist trotzdem unsinnig, weil redundant. Der Vorbeiflug selbst ist ja der Erfolg. Oder hätte es einen erfolglosen Vorbeiflug geben können?

Vgl. schon hier: https://textundsinn.wordpress.com/2013/04/19/erfolg/

Sommerferien

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Man braucht nur eine Insel …” hat Mascha Kaléko vor vielen Jahren so schön gedichtet.

Die Deutschen kleben sich ihre Lieblingsinsel gerne wie ein Bekenntnis auf die Rückseite des Autos (auch wenn die Insel autofrei ist). Das sieht dann so aus:

Sylt

oder so:

Poel

oder so:

Darß Zingst

oder so:

Hiddensee

Eine Zeitlang war ich so sensibilisiert, daß ich geglaubt habe, in allem und jedem Inseln zu erkennen. So wie hier:

Eiskunstlauf

Die Ähnlichkeit mit Sylt ist frappierend, nicht wahr? Erst beim Näherkommen habe ich gesehen, daß ich in der falschen Jahreszeit war:

Eiskunstlauf 2

Hurra! Sieht gut aus!

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Internet ist kein Neuland. Umso befremdlicher ist es, daß man sich bei der Kommunikation im Netz immer öfter wie ein Kleinkind behandelt fühlt. Ich habe verschiedentlich darüber geschrieben. Hier ein besonders abstoßendes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit.

Mein Blog läuft bei WordPress. Wenn ich einen Beitrag verfasse und ihn nicht sofort veröffentliche, sondern zunächst einmal speichere, kommt seit kurzem die Meldung “Entwurf am (!) Text & Sinn gespeichert. Weiter so!” Ich kann den größten Mist oder absoluten Unsinn geschrieben haben – die Meldung kommt trotzdem, vollkommen unabhängig vom Inhalt und von dessen Qualität. Publiziere ich den Beitrag, kommt die Pseudo-Rückmeldung: “Du hast gerade einen Beitrag auf Text & Sinn veröffentlicht. Hurra!” Warum dieser Freudenschrei? Bei wem löst das bloße Faktum des Veröffentlichens solche Begeisterung aus? Und wenn ich anschließend etwas ändere (das kann eine sinnvolle Korrektur oder Ergänzung sein, ich könnte aber auch den gesamten Text löschen und durch einen einzigen Buchstaben ersetzen, es ist völlig egal), dann heißt es wohlwollend, ja kennerhaft: “Beitrag wurde aktualisiert. Sieht gut aus!”

Lauter hohle Phrasen – an mich adressiert, aber von niemandem gesendet. Nur programmiert.

Daß ich schreiben kann, was ich will, und daß eine Zensur nicht stattfindet, ist ja eigentlich in Ordnung (alles andere wäre ein Skandal). Aber aus dem Alter, wo ich Zuspruch und Ermunterungen wie “Weiter so!”, “Hurra!” und “Sieht gut aus!” nötig hatte, bin ich heraus. Der Skandal ist, daß ich diese automatisierten Pseudo-Rückmeldungen nicht ausschalten oder abbestellen kann und mich ständig in der Rolle des Kleinkindes wiederfinde, ungewollt und ohne mich dagegen wehren zu können. Und es ist kein Trost, daß WordPress auch diesen Beitrag bejubelt.

keine Kopftücher für Richter und Polizisten

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Ich bin kein großer Freund – und auch keine Freundin – der sog. geschlechtergerechten Schreibweise. Werden beide Genera ausgeschrieben (“Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger”), werden Texte schnell unnötig lang, umständlich und nervig zu lesen, bei Verwendung der Binnenmajuskel (“StudentInnen”) werden die weiblichen Studierenden zwar sichtbar, die männlichen beim Vorlesen aber unhörbar. Sätze wie “Jede_r Koch_Köchin, die_der vergißt, ihre_seine Mütze auf ihren_seinen Kopf zu setzen, …” sind in jeder Hinsicht eine Zumutung.

So wie eben im Inforadio geht es aber auch nicht. Dort wurde über ein Gutachten des Wissenschaftlichen Parlamentsdienstes (WPD) des Berliner Abgeordnetenhauses berichtet, das Stellung bezog zu der Frage, ob das im Berliner Neutralitätsgesetz festgeschriebene Kopftuchverbot für Lehrerinnen an Schulen noch verfassungskonform sei, nachdem das Bundesverfassungsgericht Anfang des Jahres entschieden hatte, ein pauschales Kopftuchverbot an Schulen sei unzulässig. Die Parlamentsjuristen (darunter einige Juristinnen) erklärten denn auch, das Neutralitätsgesetz sei nicht verfassungskonform und müsse ergänzt werden. Im sonstigen öffentlichen Dienst ändere sich aber nichts – “so könne es beim Kopftuchverbot für Richter und Polizisten bleiben”.

Ob das der Wortlauf des Gutachtens oder auf dem Misthaufen des Reporters gewachsen ist, bleibt festzustellen.

nicht wörtlich

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Stan Albers und Stephan Vokuhl, Arbeitskollegen bei der Wiesbadener Interessengemeinschaft für Behinderte / Inklusion durch Förderung und Betreuung (IFB), sind Botschafter für das Kinderhospiz Löwenmut in Südafrika. Sie laufen gemeinsam – der eine im, der andere hinterm Rollstuhl -, um Spenden für das Hospiz zu sammeln und Förderer zu gewinnen. Am kommenden Samstag werden die beiden auch die letzte Staffel Potsdam-Berlin des deutschlandweiten Fackellaufs für Inklusion 2015 bestreiten.

In einem ansonsten sehr schönen und lesenswerten Zeitungsartikel über die “ziemlich besten Kollegen”, erschienen in der Frankfurter Rundschau vom 16.2.2015, steht zweimal ein Satz, den man nicht wörtlich nehmen kann: “Vokuhl (46) ist schwerbehindert und sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl”.

ggf.

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Meine Kinder sind heute leider mit der Bahn unterwegs – eine Fernreise in Richtung Westen. Abfahrt wäre um 10 Uhr 47 gewesen, Ankunft in Köln um 15 Uhr 09, Weiterfahrt um 15 Uhr 18. Mittags bekomme ich eine Nachricht mit folgendem Verspätungsalarm:

“Ermittelte Abweichung zum Zeitpunkt des Mail-Versands um 13:09 Uhr:
Ein Anschluss wird ggf. nicht erreicht.”

Das war nach den Verheerungen der vergangenen Nacht nicht anders zu erwarten. Ich schaue auf der Webseite der Bahn nach, wieviel Verspätung der Zug denn hat: 110 Minuten.

Das ist ungeheuerlich: Was so gut wie sicher eintreten wird (es sei denn, der Anschlußzug hätte ebenfalls mindestens 110 Minuten Verspätung), wird wie eine Eventualität (“ggf.”) dargestellt. Ein weiteres Beispiel für den unangemessenen, weil grundlos beschönigenden Umgang der Deutschen Bahn mit Verspätungen (siehe schon Schweigen ist Gold und abgefahren).

Wen’s interessiert: Der Zug hat Köln am Montag überhaupt nicht mehr erreicht, sondern fuhr statt dessen nach Dortmund. Die Kinder sind dort umgestiegen und kamen schließlich mit 3 1/2 Stunden Verspätung am weniger als 100 km von Köln entfernten Ziel an.

 

Gehorsam

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Heute am Geldautomaten der Commerzbank. Ich stecke die ec-Karte in den dafür vorgesehenen waagerechten Schlitz, gebe die gewünschte Auszahlungssumme und meine Geheimzahl ein, und dann lese ich: “Ihre ec-Karte steht zur Entnahme bereit”. “Bei Fuß”, habe ich gerufen, und da sprang sie auch schon aus dem Schlitz heraus und in mein Portemonnaie hinein.

Behindertenfreundlichkeit – hergestellt in Ostfriesland

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Freunde aus der Oberpfalz haben kürzlich geschrieben, daß sie, durch mein Blog motiviert, etwas kritischer hinsichtlich Sprache durch die Welt laufen als zuvor. Das freut mich, vielen Dank!

Dieselben Freunde waren jetzt in Ostfriesland unterwegs und haben mir diese beiden Photos vom Ditzumer Fährhafen geschickt:

Behindertentoilette 1

Bis dahin ist es (vom fehlenden Punkt abgesehen) nur ein Rechtschreib- bzw. Grammatikfehler. Denn wer bekommt den Schlüssel? Es sind doch die Behinderten selbst oder deren Begleiter, die den Anschlag lesen, d. h. also die direkt Angesprochenen (“Sie”) und nicht irgendwelche unbekannte Dritte (“sie”). [“nur” habe ich absichtlich kursiv geschrieben. Denn wenn man diesen Fehler (“sie” statt “Sie”) ernst nimmt und seine Motivation zu verstehen versucht, bleibt einem tatsächlich nichts anders übrig als festzustellen, daß die Behinderten nicht angesprochen – und damit ignoriert – werden. Die demonstrierte Behindertenfreundlichkeit ist in Wahrheit eine Behindertenleugnung bzw. -feindlichkeit.]

Es wundert dann auch nicht, daß man nach oben ins Verkehrsbüro nicht etwa per Rampe oder im Aufzug, sondern nur über diese Treppe gelangt:

Behindertentoilette 2

Der Rollstuhlfahrer, der es bis dorthin schafft, kann gleich oben bleiben und die Toilette für Nicht-Rollstuhlfahrer benutzen.

saurer macht lustiger

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Der Komparativ wird für gewöhnlich benutzt, um zwei Dinge zu vergleichen und einen Unterschied anzuzeigen: Peter ist größer als Paul – Anne singt lauter als Bertha.

Für die milden Orangensäfte der Marke hohes C wählt der Getränkehersteller Eckes AG Orangensorten aus, „die von Natur aus säureärmer sind“. Säureärmer als was?, fragt man sich sofort. Aber auch im nächsten Satz bleibt es vage: „Die Milden von hohes C erfüllen genau das, was der Name verspricht: Die Säfte enthalten von Natur aus weniger Säure und sind somit besonders mild – natürlich bei vollem Fruchtgeschmack!”

Wenn die Säfte wirklich so mild sind, warum heißt es dann nicht, sie seien säurearm? Sind sie – obwohl säureärmer als die herkömmlichen Sorten – tatsächlich recht säurereich?

Eckes wird nicht müde, zu betonen, daß Obst und Säfte „von Natur aus“ weniger Säure enthalten. Das soll wohl für besonders hohe Qualität bürgen – von Natur aus säurearme Orangen wären demnach besser als Orangen, die von Natur aus sauer (oder: säurereicher) sind und denen man bei der Saftherstellung Säure entzieht.

Auf diesem Plakat ist tatsächlich von säurearmen Früchten die Rede:

von Natur aus

Dafür hat sich ein anderer Fehler eingeschlichen. Früchte können von Natur aus säurearm sein, aber ein Saft kann nicht „von Natur aus mit säurearmen Früchten“ hergestellt sein; eine Saftherstellung aus Konzentrat ist ja nichts natürliches.

Korrekturvorschlag:
HOHES C MILD
MIT VON NATUR AUS
SÄUREARMEN FRÜCHTEN

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