Du siehst mich

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Fast vom Rad gefallen bin ich, als ich vor gut einem Jahr um eine Häuserecke bog und plötzlich dieses Plakat vor Augen hatte:

Kirchentag 2017 1

„Du siehst mich“ – wer soll dieses „Du“ sein? Und warum hat das Du oder das Ich – je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet – so farblose, ja, leblose Glubschaugen? Solche Augen können doch gar nicht sehen!

Jetzt, zum Evangelischen Kirchentag, sieht man diese Augen auf orangefarbenem Hintergrund auf allen möglichen Werbeträgern in der ganzen Stadt, und ich bin bei diesem Anblick immer wieder bestürzt und erschüttert.

Daß der Erfinder, Stefan Wegner von der Werbeagentur Scholz & Friends, von seiner Idee begeistert ist („Deutlicher kann man den freundlichen Blick, das offene Interesse am Gegenüber nicht darstellen“) und nicht mehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden kann („ich freue mich, wenn ich von diesen Augen gesehen werde“), muß nicht weiter verwundern. Wenn aber die Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au die beiden Kulleraugen, die bestenfalls einem Plüschtier gehören könnten, „fröhlich und einladend“ findet, wenn überhaupt ein solches Motiv als Logo für einen Kirchentag gewählt wird, kann man sich fragen, was für ein Gottesbild die evangelische Kirche vermitteln will und wie ernst sie sich und ihre Mitglieder nimmt.

Zugegeben, das Plakat ist ein echter Hingucker – aber geht es nur ums Hingucken? Gläubige wie Nichtgläubige können sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen hier infantilisiert werden und der Glaube lächerlich gemacht wird – und damit wird ein Vorurteil bedient, gegen das die Kirche ohnehin und auch ohne solche Hingucker genug zu kämpfen hat.

Immerhin ist mir an der Gedächtniskirche ein ganz hübsches Photo gelungen.

Kirchentag 2017 2

Ein wenig Leben

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Seit ein paar Wochen sieht man – ganz selten – Leute mit diesen Taschen herumlaufen:

Tasche

Man ist sofort irritiert. Jude? Dann eine Abkürzung, JB, dann zwei männliche Vornamen, einer niederländisch, einer englisch, alle Namen ohne Leerzeichen jeweils verbunden durch das kommerzielle &.

Nur Eingeweihte verstehen, was gemeint ist: Das sind die Namen der vier Protagonisten von Hanya Yanagiharas Roman A Little Life, der vor kurzem in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die Taschen werden seitdem in ausgewählten deutschen Buchhandlungen verkauft.

Ich finde es erstaunlich, daß man die Werbung aus den USA hier 1:1 übernimmt, obwohl der erste Vorname gleichlautend mit dem deutschen Wort „Jude“ ist. Auch die Reihenfolge der Namen ist erklärungsbedürftig; Willem müßte an zweiter statt an dritter Stelle stehen; JB und Malcolm sind eher Randfiguren. ein-wenig-leben.de ist auch merkwürdig, denn A Little Life ist ein amerikanisches Buch, und das wird auf der Tasche irgendwie geleugnet, indem es – genauso wie der Name der Autorin – verschwiegen wird. Als ob der Hanser-Verlag sich gewissermaßen selbst feiert, das Buch selbst geschrieben hätte. Äußerst seltsam, finde ich, und es zeugt nicht gerade von einem souveränen Umgang mit ausländischer Literatur. Man könnte es als ungeschickten Entschuldigungsversuch dafür lesen, daß die deutsche Übersetzung erst erscheint, nachdem die Geschichte den Roman mit der Wahl Donald Trumps gewissermaßen eingeholt hat.

Es bleibt auch eine spannende Aufgabe, zu untersuchen, warum die Romanfiguren von den Leserinnen und Lesern so gefeiert und teilweise behandelt werden, als seien sie lebende Personen. Wer würde Taschen mit dem Aufdruck „Eduard & Charlotte & Otto & Ottilie“ herumtragen?

Für alle Berlinerinnen und Berliner: Hanya Yangihara wird morgen abend in Berlin mit Daniel Schreiber über ihr Buch sprechen, und Kathleen Gallego Zapata wird Passagen daraus in der deutschen Übersetzung vorlesen (Dussmann, 19 Uhr).

Erinnerung heilen

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In der Sendung Kulturtermin des rbb Kulturradios, die freitags Themen aus Religion und Gesellschaft behandelt, wurde am frühen Abend über einen Versöhnungsgottesdienst berichtet, der morgen in der Michaeliskirche in Hildesheim gefeiert wird.  Weil ich parallel telefonierte und obendrein die Spülmaschine lief, war meine Aufmerksamkeit gering und der Geräuschpegel hoch, und ich habe nur wiederholt „healing of memories“ verstanden. Als ich das googelte, war ich erstaunt zu lesen, daß es sich um den zentralen ökumenischen Gottesdienst zum Reformationsjubiläum handelt, der vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, und dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr.* Heinrich Bedford-Strohm, gemeinsam geleitet wird und zu dem Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel erwartet werden. Wer sich da versöhnen will, sind deutsche Protestanten und deutsche Katholiken. Daß das nicht so leicht ist, auch und gerade nicht im Jahr des Reformationsjubiläums (was haben Katholiken da zu feiern?), ist klar. Aber kann man die Erinnerung besser heilen, wenn der Prozeß unter einem englischen Motto stellt?

Wenn man ein bißchen gezielter googelt, stößt man auf die Geschichte des Begriffs. „Healing of Memories“ (HoM) wurde erstmalig als seelsorgerlich-therapeutisches Verfahren in der – auf Einzelpersonen bezogenen – Täter-Opfer-Arbeit zur Aufarbeitung von Verletzungen in Südafrika in Anwendung gebracht (dort sitzt auch das Institute for Healing Memories). Es fand in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre Eingang in Europa im Zusammenhang mit Aufarbeitungsprozessen zwischen den christlichen Kirchen in Nordirland und hat sich seitdem weiter verbreitet, wie in dieser Skizze beschrieben.

Daß für den Gottesdienst in der Simultankirche Hildesheim das englische Motto gewählt wurde, kann also nur bedeuten, daß man die Versöhnung zwischen deutschen Protestanten und deutschen Katholiken in diesen globalen Rahmen eingebettet wissen will.

Der Gottesdienst wird morgen, am Samstag, den 11. September ab 17 Uhr in der ARD übertragen.

* NB: Auch Reinhard Marx hat promoviert, aber im Unterschied zu den Protestanten führen die Katholiken ihre Titel in der Öffentlichkeit nicht spazieren.

kleines k

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Bei vielen Dingen, denen ich im Netz begegne, frage ich mich, wer sich diesen Schwachsinn ausgedacht hat und warum alle ihn mitmachen. Eines der jüngsten Beispiele ist das kleine k. Seit ich bei Pinterest registriert bin, bekomme ich ständig Hinweise auf „new topics I might love“, und dabei erfahre ich nebenbei, daß der topic „carrot cakes“ 6k, der topic „healthy food“ 201k, der topic „loose curls updo wedding hairstyle“ 19,4k und der topic „cat-a-holic“ 4,2k followers hat.

4,2 Kilo was?, frage ich mich. Es können ja nicht 4,2 Kilo followers gemeint sein, das wäre ja gerade mal ein Neugeborenes.

Mit ein wenig Recherche bekommt man natürlich schnell heraus, was gemeint ist: das k steht für 1000, also 4.200 Leute verfolgen cat-a-holic und 201.000 verfolgen gesundes Essen. Nicht schlecht!

Verwirrend ist zunächst, daß das kleine k nicht wie gewohnt als Präfix (Vorsilbe) wie in Kilogramm (1 kg = 1000 g), Kilometer (1 km = 1000 m) und Kilokalorien (1 kcal = 1000 Kalorien) daherkommt, sondern nachgestellt ist. Noch seltsamer ist, daß Menschen hier sprachlich nicht in Tausenden, sondern in Kilo abgezählt werden, gewissermaßen nicht als Zahl, sondern als Masse, diese aber sehr reduziert (s. o.).

Auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite zur Zahl 1000 steht dazu: „As such, people occasionally represent the number in a non-standard notation by replacing the last three zeros of the general numeral with „K“: for instance, 30K for 30,000.“https://en.wikipedia.org/wiki/1000_(number)

Was einst occasionally geschah und als non-standard galt, wird mit Pinterest alltäglicher sprachlicher Standard.

Marienverehrung gestern und heute

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„Marien-Verehrung in Frankreich auf einem neuen Höhepunkt“

– hörte ich kürzlich im Radio und wunderte mich. Es kam dann kein Beitrag über die katholische Kirche, sondern über den Front National.

Im Gegensatz zum Deutschen, wo die Wörter homophon sind (also gleich klingen), hört man im Französischen den Unterschied am Ende heraus.

Marien-Verehrung (culte de Marie), frühes 17. Jh.:

marie

(Vierge à l’enfant, Notre-Dame des Trois-Épis)

Marine-Verehrung (culte de Marine), frühes 21. Jh.

marine

(Marine le Pen)

Herelstand

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Als ich vorgestern an der St. Hedwigskathedrale vorbeikam, war ich nicht wenig überrascht, vor dem Kathedralforum ein Plakat und in der Auslage Prospekte zu sehen, die auf eine Ausstellung zu Martin Luther aufmerksam machen:

herelstand-1

Eine Luther-Ausstellung bei den Katholiken – das ist sicher nicht uninteressant. Aber was sollte der Titel bedeuten, Herelstand?

Ja, ich kann englisch.

Ja, ich weiß auch, daß wir mitten in Berlin von transatlantischem Kauderwelsch umfangen und nirgends vor ihm sicher sind.

Und ja, ich kenne meinen Luther.

Dreimal ja. Trotzdem bin ich reingefallen. Ich habe nämlich He-rel-stand gelesen, als wäre es ein deutsches Wort, das sich auf Memelstrand reimt. Here I stand hätte ich natürlich verstanden, aber die Wörter sind ja zusammengeschrieben, das große I sieht aus wie ein kleines l. Erst beim Näherkommen und richtigen Lesen kann man das erkennen.

herelstand

An Aufschriften wie „Backshop“, „Flying Fisch“, „Flower Factory“ etc. im Berliner Straßenbild habe ich mich gewöhnt. Aber daß eine (internationale) Ausstellung über Martin Luther, der die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, dessen Verdienste um die deutsche Sprache kaum überschätzt werden können und dessen Satz „Hier stehe ich und kann nicht anders“ längst zum geflügelten deutschen Wort geworden ist, auch in Deutschland mit der englischen Übersetzung ebendieses Wortes beworben wird, läßt mich ratlos.

Muß alles auf Teufel komm raus zum Hashtag, zum Schlagwort werden?

lebensunwert?

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Bei Spiegel online eben folgendes gelesen:

„Nach Lammerts Rede las der Schauspieler Sebastian Urbanski vom Berliner Rambazamba-Theater den Brief eines Opfers der Nationalsozialisten vor. In seinem Brief aus dem Jahr 1943 beschreibt Ernst Putzki die Zustände in der hessischen Landesheilanstalt Weilmünster: „Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann. Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist.“ Putzki wurde 1945 von den Nazis ermordet. Urbanski, der das Down-Syndrom hat, spielt beim Berliner Rambazamba-Theater. Auch Menschen mit dieser Genmutation waren von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ eingestuft worden.“

Gestern gab es zu Urbanski einen Hintergrundbericht in der Berliner Zeitung, in dem stand: „Angesichts des zunehmenden Rechtspopulismus und Nationalismus müssten alle Demokraten dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung nicht ausgegrenzt werden, sagt Ulla Schmidt. „Das Lebensrecht behinderter Menschen darf nie wieder in Frage gestellt werden. Sie gehörten in die Mitte der Gesellschaft. Oder, wie sie es auch formuliert: „Es gibt ein Menschenrecht auf Teilhabe.“ Von den Nationalsozialisten wurden Behinderte als „Volksschädlinge“ und „lebensunwert“ aussortiert. „Aber das Leben hat viele Facetten und jedes Leben ist lebenswert“, betont Ulla Schmidt. „Wir haben tolle Schauspieler, Musiker oder Menschen in sozialen Berufen mit Down-Syndrom, manches geht vielleicht ein bisschen langsamer, aber da ist sehr viel Potenzial.“ Sebastian Urbanski ist ein gutes Beispiel dafür. Als er 1986 in Pankow eingeschult wurde, galten Kinder wie er in der DDR als „bildungsunfähig“. Doch seine Eltern hatten ihm einen Schulplatz erstritten. Heute steht er für RambaZamba auf der Bühne, war im ARD-Film „So wie du bist“ und anderen Filmproduktionen zu sehen, war Synchronsprecher für den Hauptdarsteller Pablo Pineda im Kino-Film „Me too – wer will schon normal sein?“ und geht mit seiner Biografie „Am liebsten bin ich Hamlet“ regelmäßig auf Lesereise. Im Theater und in der Familie hat sich Urbanski intensiv mit den Schrecken der NS-Zeit beschäftigt. Natürlich würden Behinderte heute nicht mehr ermordet, sagt er. „Aber dafür werden sie kaum noch geboren.““

Ein Satz, der zu denken gibt.