Behindertenfreundlichkeit – hergestellt in Ostfriesland

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Freunde aus der Oberpfalz haben kürzlich geschrieben, daß sie, durch mein Blog motiviert, etwas kritischer hinsichtlich Sprache durch die Welt laufen als zuvor. Das freut mich, vielen Dank!

Dieselben Freunde waren jetzt in Ostfriesland unterwegs und haben mir diese beiden Photos vom Ditzumer Fährhafen geschickt:

Behindertentoilette 1

Bis dahin ist es (vom fehlenden Punkt abgesehen) nur ein Rechtschreib- bzw. Grammatikfehler. Denn wer bekommt den Schlüssel? Es sind doch die Behinderten selbst oder deren Begleiter, die den Anschlag lesen, d. h. also die direkt Angesprochenen (“Sie”) und nicht irgendwelche unbekannte Dritte (“sie”). [“nur” habe ich absichtlich kursiv geschrieben. Denn wenn man diesen Fehler (“sie” statt “Sie”) ernst nimmt und seine Motivation zu verstehen versucht, bleibt einem tatsächlich nichts anders übrig als festzustellen, daß die Behinderten nicht angesprochen – und damit ignoriert – werden. Die demonstrierte Behindertenfreundlichkeit ist in Wahrheit eine Behindertenleugnung bzw. -feindlichkeit.]

Es wundert dann auch nicht, daß man nach oben ins Verkehrsbüro nicht etwa per Rampe oder im Aufzug, sondern nur über diese Treppe gelangt:

Behindertentoilette 2

Der Rollstuhlfahrer, der es bis dorthin schafft, kann gleich oben bleiben und die Toilette für Nicht-Rollstuhlfahrer benutzen.

saurer macht lustiger

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Der Komparativ wird für gewöhnlich benutzt, um zwei Dinge zu vergleichen und einen Unterschied anzuzeigen: Peter ist größer als Paul – Anne singt lauter als Bertha.

Für die milden Orangensäfte der Marke hohes C wählt der Getränkehersteller Eckes AG Orangensorten aus, „die von Natur aus säureärmer sind“. Säureärmer als was?, fragt man sich sofort. Aber auch im nächsten Satz bleibt es vage: „Die Milden von hohes C erfüllen genau das, was der Name verspricht: Die Säfte enthalten von Natur aus weniger Säure und sind somit besonders mild – natürlich bei vollem Fruchtgeschmack!”

Wenn die Säfte wirklich so mild sind, warum heißt es dann nicht, sie seien säurearm? Sind sie – obwohl säureärmer als die herkömmlichen Sorten – tatsächlich recht säurereich?

Eckes wird nicht müde, zu betonen, daß Obst und Säfte „von Natur aus“ weniger Säure enthalten. Das soll wohl für besonders hohe Qualität bürgen – von Natur aus säurearme Orangen wären demnach besser als Orangen, die von Natur aus sauer (oder: säurereicher) sind und denen man bei der Saftherstellung Säure entzieht.

Auf diesem Plakat ist tatsächlich von säurearmen Früchten die Rede:

von Natur aus

Dafür hat sich ein anderer Fehler eingeschlichen. Früchte können von Natur aus säurearm sein, aber ein Saft kann nicht „von Natur aus mit säurearmen Früchten“ hergestellt sein; eine Saftherstellung aus Konzentrat ist ja nichts natürliches.

Korrekturvorschlag:
HOHES C MILD
MIT VON NATUR AUS
SÄUREARMEN FRÜCHTEN

fliegende, kriechende und unsichtbare Insekten

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Insekten

Raid Insektenspray wirkt sogar gegen nicht direkt sichtbare Insekten. Das kann nur heißen: gegen vorübergehend oder dauerhaft unsichtbare (vielleicht auch: eingebildete) Insekten. Wo aber soll man – gezielt! – hinsprühen, wenn man nichts sieht?

11 Fragen – 11 Antworten

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Meine Leserin Stefanie (die ein Blog für Urlaubsgefühle in Hamburg, Reisen in Norddeutschland und Besuche bei nordischen Nachbarn schreibt) hat mich für den Liebster Award nominiert – oder mir diese Auszeichnung verliehen (was nicht dasselbe wäre, aber es läuft, glaube ich, auf dasselbe hinaus). Der Liebster Award ist eine Art virtueller Kettenbrief, der helfen soll, kleinere Blogs bekannter zu machen und Blogger untereinander zu vernetzen. Man bekommt 11 persönliche Fragen gestellt, und nachdem man sie beantwortet hat, darf man selbst wiederum 11 Lieblingsblogs (anderswo stand: 5 Blogs mit weniger als 3.000 Abonnnenten) nominieren/auszeichnen und sich dafür 11 neue Fragen ausdenken.

Hier zunächst die 11 Fragen von Stefanie und meine Antworten.

1. Du hast einen Tag lang Besuch vom Mars: Was würdest Du Deinem Gast auf der Erde zeigen wollen?

Kunstwerke – vor allem solche zum Hören (Bach!).

2. Wenn Du 1 Sache auf der Welt ändern könntest, was wäre das?

Gerne würde ich die Massentierhaltung abschaffen – mit allen Konsequenzen (Welthunger, Umweltzerstörung).

3. Welchen Ort ganz bei Dir in der Nähe hast Du am liebsten?

Meinen Balkon im 5. Stock mit Blick über die Dächer von Moabit und den Teich im Englischen Garten im Großen Tiergarten.

4. Entscheide Dich für eine Möglichkeit: Wärst Du auf einer Party lieber over- oder underdressed?

Overdressed (but just a little).

5. Was war Deine schlimmste Modesünde?

Kniestrümpfe in Sandalen im Sommer und Pullunder im Winter – aber das war in den 70er Jahren, als das Mode war.

6. War Dir schon einmal etwas unangenehm, nachdem Du es gebloggt hast?

Einmal habe ich im Überschwang des Überdrusses an Internet & Co. die Schütz-Motette “Herr, wenn ich nur dich habe” verlinkt. Das paßt aber thematisch gar nicht in mein Blog, und ein paar Stunden später habe ich den Beitrag gelöscht.

7. Welcher Filmtitel beschreibt Dich und Dein Leben am besten?

Sauve qui peut.

8. Welchen Deiner Blogbeiträge magst Du am liebsten?

Da ich schon länger blogge, sind es ein paar mehr geworden … Am meisten mag ich die Beiträge – und Kommentare – über mißglückte, übergriffige und Pseudo-Kommunikation (Kleinkinder, Erfolg, Passen Sie auf sich auf, Ich soll Sie schön grüßen, Hallo, bei uns im Ersten), über den sprachlichen Umgang mit Verspätungen bei der Deutschen Bahn (Schweigen ist Gold, abgefahren), über Modalverben, dazu noch Koko-was?, Call a bike …, Tag des Handwerks, Musikerjargon, Frauenquote …, Napoleon und – natürlich – den ein oder anderen Katzencontent.

9. Welcher Song funktioniert bei Dir sofort als Ohrwurm, obwohl Du ihn grauenhaft findest?

E: Freude, schöner Götterfunken / U: Marmor, Stein und Eisen bricht.

10. Wann und von wo aus stöberst Du am liebsten auf anderen Blogs?

Das Wann und das Wo spielen bei mir keine große Rolle. Wichtig ist, daß das Thema mich interessiert und ansprechend dargeboten wird.

11. In eigener Sache: Was denkst Du über Hamburg (ganz ehrlich)? (Diese Antwort würden wir gern irgendwann mal in einem Beitrag verwursten, falls das ok für Dich ist).

Oje! Ich habe mich lange auf den ersten Hamburg-Besuch gefreut, aber als ich endlich dort war (vor drei Jahren an einem kühlen und recht feuchten Juli-Wochenende), war ich eher enttäuscht. Der Hafen ist beeindruckend und teilweise schön, und wir hatten einen sehr redseligen, gut informierten und sympathischen Führer in St. Petri, aber ansonsten habe ich die Stadt als sehr kühl empfunden, auch äußerlich. Viel Stein, Backstein, Beton und Glas, vergleichsweise wenig Grün. Wenig anheimelnde Plätze. Auf mich wirkte Hamburg insgesamt zu modern, zu sauber, zu geleckt (ich bin aus Berlin ein bißchen verwöhnt, was den Charme von Wildwuchs und Dreck betrifft). Und die Reeperbahn war einfach nur furchtbar. Vielleicht waren wir nicht in den richtigen Vierteln? Hast Du ein paar Tipps?

Meine Nominierungen und meine Fragen dauern noch ein bißchen …

transitiv / intransitiv – einfach erklärt

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Viele werden sich an den Slogan “Come in and find out” der Parfümerie Douglas erinnern, der all jene irritiert hat, die ihn mit “Komm rein und finde wieder heraus” übersetzt haben.

Die falsche Übersetzung war insofern nicht abwegig, als der englische Satz grammatisch nicht korrekt ist. Im Unterschied zu “to get out” kann “to find out” nämlich nicht alleine stehen, sondern bedarf – ebenso wie “herausfinden” im Sinne von ausfindig machen – eines Akkusativobjekts: I find out something / Ich finde etwas heraus.

Genau das ist der Unterschied zwischen transitiven und intransitiven Verben bzw. zwischen deren transitivem oder intransitivem Gebrauch. Bei transitiven Verben steht ein Akkusativobjekt (ich finde den Mörder heraus), bei intransitiven kann kein Akkusativobjekt stehen (du mußt mich nicht begleiten – ich finde alleine heraus).

Leidliche Grammatikkenntnisse oder ein gutes Lektorat hätten dem Werbetexter und der Firma die Blamage erspart.

Scarborough Fair

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Bei Aldi gab es kürzlich diese Servietten der finnischen Firma Metsä Tissue zu kaufen:
Parsley 1
Wenn es fünf lateinische Namen wären (Basilicum, Petroselinum, Rosmarinus, Salvia, Thymus) – ok. Wenn es Namen aus fünf verschiedenen Sprachen wären (Basilico, Parsley, Rosmarin, Salvia, Thym) – auch schön. Wenn es fünf finnische Namen wären (ich müßte sie recherchieren) – von mir aus. Aber was hat den Designer bewogen, drei lateinische, einen deutschen und einen englischen Namen zu wählen? Er muß sich doch etwas dabei gedacht haben. Und wenn nicht, warum nicht?

um die Reformation herum

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Reformation

Egal ob Diskussion, Debatte oder Disput – auch wenn es dabei um ein bestimmtes Thema geht, diskutiert, debattiert oder disputiert man über dieses Thema und nicht darum herum.

Nachtrag am 4. Juni: Hier – als Reaktion auf den Kommentar von vilmoskörte – das tatsächliche Aussehen des Handzettels:

Reformation 2

Die Typographie gefällt mir auch nicht, und ich hätte aus mehreren Gründen “Reformations-jubiläum” getrennt, aber das mögen andere beurteilen.

Übrigens heißt es in der Übersetzung Martin Luthers nicht Am, sondern “Im Anfang war das Wort”. Warum die ersten Worte des Johannesevangeliums in dieser entstellten Form als Motto der Kommunikations- und Marketingkampagne der Lutherdekade herhalten, müßte man auch einmal interpretieren …

hier hat die Konkurrenz übersetzt …

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Gesehen im Musée des Beaux Arts in Dijon:

Offenbarung 1

Offenbarung 2

Treffen Musiker

Der Titel des Bildes “Femme ramassant du bois mort” von Adolphe Hervier ist mit “Frau pflücken Totholz” übersetzt.

Und dieses Plakat hängt in der Kathedrale Saint-Étienne in Auxerre:

anstendige Dienstszeit

German Mut

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Ich bleibe fast beim Thema – nur das i ging verloren.

“German Angst baut Mauern. German Mut reißt Mauern ein. German Angst – das ist der Blick nach unten. German Mut – das ist der Blick nach vorn. German Angst macht klein. German Mut macht groß.”

So die Worte (man beachte auch die Gesten!) des wiedergewählten FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, der gestern auf dem Parteitag der Liberalen in Berlin in einer Grundsatzrede vor rund 600 Delegierten für einen Mentalitätswandel in Deutschland warb.

Ich finde es seltsam, daß der Chef einer deutschen Partei zur Charakterisierung der Mentalität im eigenen Land einen Begriff benutzt, der im Ausland zur Beschreibung einer als typisch deutsch empfundenen Verhaltensweise verwendet wird. Noch merkwürdiger aber ist, daß auch der Gegenentwurf – der neue FDP-Slogan – zur Hälfte in englischer Sprache daherkommt. Warum nicht deutscher Mut? Hatten Lindner und seine Berater Angst, damit unliebsame Assoziationen zu provozieren? Anders gefragt: Kann jemand den Unterschied zwischen deutschem Mut und German Mut erklären?

St. Germain – die 2.

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St. Germaine

Immer wenn ich an dieser exklusiven Damen-Boutique neben dem Waldorf Astoria im sog. Zoofenster vorbeikomme, schrillen meine Sprach-Alarmglocken. Vermutlich ist der Firmengründer ein großer Liebhaber von Paris, insbesondere vom Quartier Saint-Germain-des-Prés. Die französische Sprache dagegen ist nicht sein Ding. Sonst hätte er bei der Wahl des Firmennamens beachtet, daß das Wort “Saint” (abgekürzt: St.) im Französischen nur bei männlichen Heiligen benutzt wird, während man den weiblichen ein “Sainte” (abgekürzt: Ste.) voranstellt.

St. Germaine wäre intersexuell, ein Hermaphrodit, und diese(n) Heilige(n) kann es daher weder grammatisch noch sinnlogisch geben. Die wirkliche Ste. Germaine (dt.: die heilige Germana) war übrigens alles andere als ein Glamour-Girl oder eine Dame von Welt; sie lebte am Ende des 16. Jahrhunderts in Südfrankreich als Schafhirtin.

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