Marienverehrung gestern und heute

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„Marien-Verehrung in Frankreich auf einem neuen Höhepunkt“

– hörte ich kürzlich im Radio und wunderte mich. Es kam dann kein Beitrag über die katholische Kirche, sondern über den Front National.

Im Gegensatz zum Deutschen, wo die Wörter homophon sind (also gleich klingen), hört man im Französischen den Unterschied am Ende heraus.

Marien-Verehrung (culte de Marie), frühes 17. Jh.:

marie

(Vierge à l’enfant, Notre-Dame des Trois-Épis)

Marine-Verehrung (culte de Marine), frühes 21. Jh.

marine

(Marine le Pen)

Herelstand

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Als ich vorgestern an der St. Hedwigskathedrale vorbeikam, war ich nicht wenig überrascht, vor dem Kathedralforum ein Plakat und in der Auslage Prospekte zu sehen, die auf eine Ausstellung zu Martin Luther aufmerksam machen:

herelstand-1

Eine Luther-Ausstellung bei den Katholiken – das ist sicher nicht uninteressant. Aber was sollte der Titel bedeuten, Herelstand?

Ja, ich kann englisch.

Ja, ich weiß auch, daß wir mitten in Berlin von transatlantischem Kauderwelsch umfangen und nirgends vor ihm sicher sind.

Und ja, ich kenne meinen Luther.

Dreimal ja. Trotzdem bin ich reingefallen. Ich habe nämlich He-rel-stand gelesen, als wäre es ein deutsches Wort, das sich auf Memelstrand reimt. Here I stand hätte ich natürlich verstanden, aber die Wörter sind ja zusammengeschrieben, das große I sieht aus wie ein kleines l. Erst beim Näherkommen und richtigen Lesen kann man das erkennen.

herelstand

An Aufschriften wie „Backshop“, „Flying Fisch“, „Flower Factory“ etc. im Berliner Straßenbild habe ich mich gewöhnt. Aber daß eine (internationale) Ausstellung über Martin Luther, der die Bibel ins Deutsche übersetzt hat, dessen Verdienste um die deutsche Sprache kaum überschätzt werden können und dessen Satz „Hier stehe ich und kann nicht anders“ längst zum geflügelten deutschen Wort geworden ist, auch in Deutschland mit der englischen Übersetzung ebendieses Wortes beworben wird, läßt mich ratlos.

Muß alles auf Teufel komm raus zum Hashtag, zum Schlagwort werden?

lebensunwert?

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Bei Spiegel online eben folgendes gelesen:

„Nach Lammerts Rede las der Schauspieler Sebastian Urbanski vom Berliner Rambazamba-Theater den Brief eines Opfers der Nationalsozialisten vor. In seinem Brief aus dem Jahr 1943 beschreibt Ernst Putzki die Zustände in der hessischen Landesheilanstalt Weilmünster: „Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Die Menschen werden zu Tieren und essen alles, was man eben von anderen kriegen kann. Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist.“ Putzki wurde 1945 von den Nazis ermordet. Urbanski, der das Down-Syndrom hat, spielt beim Berliner Rambazamba-Theater. Auch Menschen mit dieser Genmutation waren von den Nationalsozialisten als „lebensunwert“ eingestuft worden.“

Gestern gab es zu Urbanski einen Hintergrundbericht in der Berliner Zeitung, in dem stand: „Angesichts des zunehmenden Rechtspopulismus und Nationalismus müssten alle Demokraten dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung nicht ausgegrenzt werden, sagt Ulla Schmidt. „Das Lebensrecht behinderter Menschen darf nie wieder in Frage gestellt werden. Sie gehörten in die Mitte der Gesellschaft. Oder, wie sie es auch formuliert: „Es gibt ein Menschenrecht auf Teilhabe.“ Von den Nationalsozialisten wurden Behinderte als „Volksschädlinge“ und „lebensunwert“ aussortiert. „Aber das Leben hat viele Facetten und jedes Leben ist lebenswert“, betont Ulla Schmidt. „Wir haben tolle Schauspieler, Musiker oder Menschen in sozialen Berufen mit Down-Syndrom, manches geht vielleicht ein bisschen langsamer, aber da ist sehr viel Potenzial.“ Sebastian Urbanski ist ein gutes Beispiel dafür. Als er 1986 in Pankow eingeschult wurde, galten Kinder wie er in der DDR als „bildungsunfähig“. Doch seine Eltern hatten ihm einen Schulplatz erstritten. Heute steht er für RambaZamba auf der Bühne, war im ARD-Film „So wie du bist“ und anderen Filmproduktionen zu sehen, war Synchronsprecher für den Hauptdarsteller Pablo Pineda im Kino-Film „Me too – wer will schon normal sein?“ und geht mit seiner Biografie „Am liebsten bin ich Hamlet“ regelmäßig auf Lesereise. Im Theater und in der Familie hat sich Urbanski intensiv mit den Schrecken der NS-Zeit beschäftigt. Natürlich würden Behinderte heute nicht mehr ermordet, sagt er. „Aber dafür werden sie kaum noch geboren.““

Ein Satz, der zu denken gibt.

 

Preissturz

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Heute mittag landete eine Mail von Easyjet in meinem Postfach, mit dem Betreff: „Dorothea, Preissturz auf Tausende von Sitzplätzen – heute buchen“. In der Mail selbst stand: „Preissturz auf Tausende Sitzplätze“ und daneben: „Um bis zu 30% günstigere Preise“ (nachzulesen auch hier).

Abgesehen davon, daß nicht die Preise günstig (billig, preiswert) sein können, sondern die Flüge bzw. Flugtickets, befindet sich auch die Grammatik im freien Fall – anders als die englische Formulierung „price drop on thousands of selected seats“ kann die mißlungene deutsche Übersetzung nur so verstanden werden, als daß sich die Preise auf Sitzplätze stürzen. Die unpassende Präposition erzeugt ein lächerliches Bild, das sicher nicht beabsichtigt war.

 

voll im Trend?

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Mit dem Double-Down-Pseudo-Sandwich, bestehend aus 2 gegrillten oder frittierten Hähnchenbrustfilets, Speck, Schmelzkäse und Sauce, gibt KFC sich als Trendsetter: „Isst Du auch schon double down?“

vollvoll

Als ob es voll cool wäre, nur Fleisch und kein Brot zu essen.

Besonders ärgerlich ist, daß der Inhaber der Marke, Yum, unter dem Stichwort „Our Environment“ behauptet, die Profitmaximierung ginge Hand in Hand mit einer Reduktion des ökologischen Fußabdrucks:

„Environmental stewardship is at the heart of how we do business. With nearly 43,000 restaurants and our rapid growth around the globe, we acknowledge our role to be environmentally responsible corporate stewards. We are committed to reducing our environmental footprint for the benefit of our customers, stakeholders and planet, as we feed the world. We believe we can continue to maximize our profit growth and increase our shareholder value, while reducing our environmental impact and serving the food our customers love.“

Dabei hat sich inzwischen herumgesprochen, daß der weltweit rasant gestiegene Fleischkonsum die Hauptursache für Treibhausgas-Emissionen und Klimawandel ist.
http://www.wwf.de/themen-projekte/landwirtschaft/ernaehrung-konsum/fleisch/fleisch-frisst-land/

Ganz zu schweigen von Zivilisationskrankheiten und Tierquälerei.

Penguin Awareness

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Beim Blick nach nebenan habe ich erfahren, daß es heute auch etwas zu feiern gibt. Am 20. Januar wird nämlich der Penguin Awareness Day begangen – nicht zu verwechseln mit dem World Penguin Day am 25. April. Ein schöner Beitrag mit drolligen Filmchen findet sich bei rp-online.

Pinguinliebhabern kann der doppelte Feiertag nur recht sein, aber als Sprachliebhaberin frage ich mich nach dem Sinn, der dahinter verborgen sein mag. Will sagen, wenn ich die Pinguine feiere, setzt das ja voraus, daß ich ein Bewußtsein von ihnen habe. Oder feiern wir heute am Ende gar nicht die Pinguine an sich, sondern nur unser Bewußtsein von ihrer Existenz?

trostlos

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Vier Wochen nach dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz sieht es am Ort des Geschehens so aus:

breitscheidplatz

Auf der linken und rechten Plane (diese etwas abseits als Solitär) ist außer dem Weihnachtmann nebst Rentieren noch der Schriftzug Weihnachtsmarkt Gedächtnis-Kirche Berlin mit dem Piktogramm des Alten Turms zu erkennen:

p1110356

Ein paar Schritte weiter, Ecke Budapester Straße/Kantstraße/Hardenbergstraße, keine 10 m bis zum Eingang des Waldorf Astoria, ein zweiter, kleinerer Haufen Kerzen, Blumen, Schilder, ohne Planen. Das Ganze wirkt beklemmend – ein authentischer Ausdruck der Tragik und der Hilflosigkeit. Wegräumen und Saubermachen ist auch keine Lösung. (Bis zur Berlinale, wenn auch vor dem Zoo-Palast der rote Teppich ausgelegt wird, wird man sich aber sicher etwas einfallen lassen.)