Friederike

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Friederike hat mich am Freitag in Nordrhein-Westfalen erwischt und um ein paar Erkenntnisse und Erfahrungen reicher gemacht.

  1. Die Bahn hält bei Unwettern, bei denen mit Schäden und daher mit Beeinträchtigungen im Bahnverkehr zu rechnen ist, Reparaturtrupps bereit. „Auch für Schäden ist bereits vorgesorgt: ‚Reparaturtrupps und -fahrzeuge stehen an mehreren Standorten bundesweit bereit, um möglichst schnell Sturmschäden an Oberleitungen zu beseitigen und umgestürzte Bäume aus Gleisen zu entfernen’“, wird hier und anderswo ein Bahnsprecher zitiert. Interessant ist weniger das Phänomen an sich (wer würde nicht vermuten, daß es Reparaturtrupps gibt?, ja, von einem professionellen Unternehmen wird man das mit gutem Grund erwarten dürfen), sondern daß die Bahn es für wichtig hält, das zu einer Meldung zu machen. Eine Bahn ohne Reparaturtrupps? Das würde doch niemand ernsthaft für möglich halten. Daß es aber eigens vermeldet wird, suggeriert, daß es entweder für die Bahn tatsächlich nicht selbstverständlich ist, oder daß die Bahn vermutet, daß die Leute denken, es sei nicht selbstverständlich. Müßte man näher interpretieren …
  2. Als ich mich abends über das Sturmtief erkundigen wollte, bin ich im Internet direkt beim ersten Treffer auf einen Twitter-Text von Christian Lindner gestoßen: „Beunruhigende Bilder aus . Passt auf Euch auf. CL Wo kommen wir denn da hin? Daß Christian Lindner persönlich betroffen und beunruhigt ist, mag ja sein, aber warum dieses paternalistische Gehabe in den sozialen Medien? Ich muß mir doch nicht von einem dahergelaufenen FDP-ler, dessen Partei nicht einmal mitregiert, sagen lassen, wann ich auf mich aufpassen soll. Und dann das Duzen. Als würde er sich an eine Kinderschar wenden. Wen spricht Herr Lindner überhaupt an? Wahrscheinlich seine jugendlichen und junggebliebenen Wähler in NRW. Aber auch die brauchen ihn nicht, um zu wissen, daß sie bei einem Sturm auf sich aufpassen müssen; es ist ein vollkommen übergriffiger Satz, den niemand braucht, der niemandem nützt und der niemanden schützt. Kostenloses und vollkommen überflüssiges Blablabla, mehr nicht.
  3. Ich hatte das große Glück, in Dortmund mit dem Auto abgeholt zu werden, nachdem der Zugverkehr (mehr oder weniger ohne Not) vollständig zum Erliegen gekommen war. Wir hatten zwei Fremden eine Mitreisegelegenheit angeboten, die gerne akzeptiert wurde. Eine der beiden trauerte lautstark über ein paar gefallene Bäume am Straßenrand, während sie gleichzeitig ununterbrochen auf ihrem Smartphone zugange war, um den für sie bestmöglichen Fluchtweg aus dieser Naturkatastrophe so bequem wie möglich (und das hieß: unter Verwendung größtmöglicher Ressourcen) zu organisieren.
  4. Bei der Rückfahrt gestern stand ich ungefähr zwei Stunden auf Gleis 3 in Schwerte. Der Zug, der um 13:33 nach Hamm fahren sollte, fuhr nicht, und als ich mich nach einer Alternative erkundigen wollte, stellte ich fest, daß das Reisezentrum samstags um 13:30 schließt. Egal ob Krise oder nicht. Natürlich kein Bahnbeamter weit und breit. Das hieß also: warten. Es sollte ein Zug um 14:08 nach Hamm fahren, der mit einer Verspätung von 20 Minuten angekündigt war. Dieser Zug stand dann auch eine ganze Weile auf der Anzeigentafel, kam aber nicht, und plötzlich verschwand er vom Schirm und ward nimmer gesehen. Statt dessen wurde ein wiederum ausfallender Zug von 14:33 angezeigt, und später ein Zug um 15:08, der mit einer voraussichtlichen Verspätung von 15 Minuten angekündigt wurde. Gegen 14:55 kam der planmäßig für 14:08 angekündigte Zug dann doch, allerdings vollkommen unangekündigt und ohne Ansage im Bahnhof, als ich gerade einen Kaffee holen war. Nicht nur ich habe diesen Zug verpaßt … Glücklicherweise kam der für 15:08 angekündigte Zug um 15:28, daher habe ich in Hamm – immerhin – den Zug um 16:11 bekommen und kam schließlich mit 2 1/4 Stunden Verspätung in Berlin an. Es gibt viel Schlimmeres. Aber ich ärgere mich trotzdem, daß die Bahn solche Probleme nicht besser in den Griff bekommt und daß es ihr vor allem nicht gelingt, die Reisenden ordentlich zu informieren.
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Dinner for one

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Jedes Jahr lache ich mich kringelig, wenn Butler James den besorgten Gästen Wein und Champagner nachschenkt und dann das Blumenwasser aus der Vase trinkt.

Mit seinem neuesten Plakat nimmt das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt auf diesen Silvester-Sketch Bezug:

dinner for one

Im Vorbeiradeln habe ich das Tigerfell allerdings gar nicht als solches erkannt und gemeint, dort läge eine Tierleiche. Super, habe ich gedacht, die evangelische Kirche ist richtig progressiv und macht jetzt sogar Werbung für Vegetarismus. Recht hat sie ja. Wenn die Menschen sich vorwiegend von Pflanzen ernährten, könnten alle Menschen auf der ganzen Welt problemlos satt werden. Tatsächlich werden 30 bis 50 Prozent des weltweit angebauten Getreides an Tiere verfüttert, und man braucht im Mittel zehn Kilo Getreide, um ein Kilo Fleisch zu erhalten. Ganz abgesehen von der Tierquälerei, die in der Massentierhaltung gang und gäbe ist. Im Vergleich zum Aufruf auf den Verzicht auf Silvesterböller, die einmal pro Jahr gezündet werden, wäre der Aufruf zur Änderung der Eßgewohnheiten eine wesentlich provokantere Botschaft gewesen.

Zum Weiterlesen:

http://www.bmub.bund.de/themen/wirtschaft-produkte-ressourcen-tourismus/produkte-und-konsum/produktbereiche/konsum-und-ernaehrung/

http://www.institut-fuer-welternaehrung.org/weltwissen/faqs-fragen-antworten/

http://www.nationalgeographic.de/umwelt/serie-der-5-punkte-plan-zur-ernaehrung-der-welt

 

 

 

begnadigt

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Seit George W. Bush die Tradition 1989 eingeführt hat, werden die beiden Truthähne, die der US-Präsident zu Thanksgiving geschenkt bekommt, begnadigt. Donald Trump folgt dieser Tradition. (Was der Präsident statt dessen ißt, wird nicht berichtet. Bratkartoffeln? Ratatouille? Tofuburger? Seitanschnitzel?) Jedenfalls ließ er die beiden Vögel vorläufig in einer Luxussuite im Willard Intercontinental Hotel unterbringen; später kommen sie nach Gobbler’s Rest, eine Truthahn-Pflegestation der Virginia-Tech-Universität.

Seriösen Quellen zufolge werden in den USA allein an Thanksgiving rund 46 Millionen Truthähne verspeist. Das entspricht der Einwohnerzahl von Argentinien oder Kenia. Wie es den meisten dieser Tiere in ihrem kurzen Leben geht, kann man auf der Seite von PETA nachsehen.

Zwei von ihnen wurden nun also begnadigt. Warum eigentlich begnadigt? Gewiß, sie waren zum Tode verurteilt und dürfen jetzt leben, aber hat der Präsident Gnade vor Recht walten lassen? Die Formulierung suggeriert, daß der Tod dieser Tiere die gerechte Bestrafung für ein begangenes Verbrechen gewesen wäre, der sie durch die Gnade des Präsidenten entgehen. Welches Verbrechens haben die Truthähne sich schuldig gemacht?

 

Bruderhahn

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Es regt mich furchtbar auf, wenn selbsternannte Ökos (hier: demeter Journal 04/2017, S. 30) ihren Fleischkonsum schönreden, sich ein gutes Gewissen verschaffen und dabei noch den Anschein erwecken, sie würden den Tieren, die sie essen, einen Gefallen tun. Diese Ökos essen am Sonntag natürlich kein Hähnchen, nicht irgendein Hähnchen jedenfalls, nein: sie essen Bruderhahn-Braten. Die Begründung:

bruderhahn2

Ich finde, daß der Satz „Henne, Hahn und Ei gehören zusammen“ dann und nur dann sinnvoll ist, wenn man an eine Familie von Fasanenartigen denkt, in der Männlein und Weiblein sich paaren und die Henne aus den Eiern Küken ausbrütet, die ihrerseits zu Hähnen oder Hennen heranwachsen.

Hier aber geht es um Hühner, die gehalten werden, um Eier zu legen bzw. um Hühner auszubrüten, die ihrerseits Eier legen. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, daß Hühner auch männliche Küken ausbrüten, und weil diese in der Eierindustrie nicht rentabel sind und sie sich auch nicht zur Masthähnchenzucht eignen, werden sie in der Regel direkt nach der Geburt vergast oder geschreddert. Auf ein neues Legehuhn kommt im Schnitt ein getötetes Hähnchen. Allein in Deutschland sind das rund 40 Millionen Babyhähnchen pro Jahr.

Statt nun zu sagen, wir machen das nicht mehr mit, drehen die oben erwähnten Ökos die Argumentation um, indem sie erklären: Wenn der Mensch Legehühner ausbeutet, um Eier zu verzehren, soll er auch die männlichen Küken ausbeuten, indem er sie zunächst am Leben läßt und erst dann tötet, wenn sie ein paar Monate alt sind und sich zum Verzehr eignen. Aus dem nutzlosen Töten wird so ein nutzbringendes Töten. Weil diese Hähnchen etwas dünner sind als ihre gemästeten Artgenossen und außerdem etwas mehr kosten als Hähnchen aus Massentierhaltung, soll das dann moralisch nicht nur vertretbar, sondern ausgesprochen gut sein. Versprochen werden „Genuß ohne Reue“ und „echtes Tierwohl“.

bruderhahn3

Eine dem Tierwohl verpflichtete, tierfreundliche Fleischproduktion ist aber ein Widerspruch in sich; tierfreundlich, artgerecht oder human produziertes Fleisch gibt es nicht.

Das verklärende und verschleiernde Wort Bruderhahn wurde von PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) nicht ohne Grund zum Unwort des Jahres 2016 gekürt. In der Begründung heißt es unter anderem:

Der Begriff „Bruderhahn“ erweckt den Eindruck von Fürsorge und trauter Familienidylle, dabei werden die Brüder der Hennen schon nach wenigen Monaten getötet, während der Verbraucher glaubt, dem „Bruderhahn“ das Leben zu schenken – eine perfide Art der Verbrauchertäuschung. Es existieren sogar Berichte, laut denen die „Bruderhähne“ bereits nach neun Wochen ins Schlachthaus gekarrt werden. Dort werden sie bei vollem Bewusstsein an ihren empfindlichen Füßen aufgehängt und anschließend kopfüber in ein Wasserbad, durch das Strom fließt, getaucht. Die Lebenserwartung eines Huhns liegt normalerweise bei etwa fünf bis neun Jahren.

 

 

wild oder Wurst?

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Auf der Suche nach Photos meines gerade gestohlenen Fahrrades bin ich in meinem Archiv auf ein Bild gestoßen, über das ich mich immer wieder ärgere. Bifi

Man denkt sofort an das Lied von Steppenwolf, Born to be wild. Die fröhliche, wilde Gestalt mit Gitarre, Sonnenbrille und Girlande um den Hals ist aber ein Bifi-Würstchen, und ein Würstchen wird fabriziert, nicht „geboren, um Wurst zu werden“. Wer tatsächlich geboren wird, zeigt die Werbung natürlich nicht, und erst recht wird nicht gezeigt, wie die armen Schweine geboren werden und wie sie leben und sterben, millionenfach, bevor sie zu Wurst und Schnitzel verarbeitet werden.

Meine Lektüretipps zum 1. November:

books

Und hier noch ein Filmtipp: Earthlings, von Shaun Monson, USA 2005.

zweisprachig

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Ein Freund hat mich wieder zum Lachen gebracht, indem er mir das Photo einer Hinweistafel an der Universität Maastricht geschickt hat. „Glücklicherweise steht eine Übersetzung dabei“, hatte der Einsender des Photos an die Genootschap Onze Taal (eine niederländischen Vereinigung für Sprachliebhaber) geschrieben. Ein Kommentator hat ein noch besseres Fundstück in der Stenden Hogeschool Emmen photographiert und treffend auf die Schwierigkeiten mit der niederländischen Variante von Education hingewiesen.

Vorfreude

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Wenn man bedenkt, daß es seit Anfang September Zimtsterne, Dominosteine, Lebkuchen und Schokoladenweihnachtsmänner zu kaufen gibt und wir uns damit schon seit fünf Wochen auf Weihnachten freuen, wenn man ferner – mit Aldi Nord – unterstellt, daß die Vorfreude jetzt steigt, kann man sich gar nicht vorstellen, wie freudetrunken wir in elf Wochen herumlaufen werden, wenn wir Weihnachten tatsächlich feiern. Das wird ein Jauchzen und Fröhlichsein!

Vorfreude1

Vorfreude2

Da stört es dann auch keinen großen Geist, daß ein „Winter Sortiment“ angeboten wird, während wir kalendarisch wie meteorologisch nicht einmal in der zweiten Herbsthälfte angekommen sind.

(Ganz am Rande würde mich interessieren, was die Person bekommt, die sich das Schriftdesign einfallen läßt. Wahrscheinlich nicht viel …)