Monokultur

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Auf französischen Autobahnen sieht man in regelmäßigen Abständen Schilder, die auf touristische Ziele (Baudenkmäler, besondere Landschaften, Kulturstätten, etc.) hinweisen.

Kürzlich bin ich auf der durchs Elsaß führenden Autobahn A35 an Schildern mit der Aufschrift “Vignoble d’Alsace” und “Choux à choucroute” vorbeigefahren – leider ging es viel zu schnell, als daß ich sie hätte photographieren können. Mein eigentliches Interesse galt aber etwas anderem: Links und rechts der Hinweisschilder sind nämlich weder elsässische Weinberge noch Anbauflächen für Kohl zur Herstellung von Sauerkraut zu sehen, sondern … Maisfelder … endlos.

Vielleicht stammen die Schilder aus der Zeit vor der Umstellung auf Maisanbau. Man sollte sie aber baldmöglichst ersetzen und ehrlicherweise schreiben “Champ de maïs”. Schon allein deshalb, damit die jungen Leute nicht etwa glauben, Weinreben und Kohl sähen gleich – nämlich so -aus.

Wetterbericht

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Normalerweise wird der Wetterbericht im Radio und im Fernsehen sommers wie winters in einem recht sachlichen und neutralen Ton vorgetragen: “tagsüber meist sonnig, abends zunehmend bewölkt”, “mit 15 bis 18 Grad für die Jahreszeit zu kühl”, “vormittags trocken, am Nachmittag vereinzelt Schneeschauer”, “Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, nachts stellenweise Frost”.

Der Ton ändert sich jedoch schlagartig, sobald – und nur dann, wenn – von Gewittern die Rede ist. Gewitter sind ja bekanntermaßen nicht Wetter, sondern Un-Wetter, die zunächst vielleicht harmlos in der Luft liegen, sich dann aber unheilvoll zusammenbrauen, bevor sie sich mit Blitz und Donner entladen und dabei mehr oder weniger große Verheerungen anrichten. Gewitter gehören ihrer Natur nach nicht zu den gemäßigten, sondern zu den eher heftigen meteorologischen Erscheinungen, und im Unterschied zu Sonnenschein und Nieselregen muß der Mensch vor Gewittern – zumindest vor kräftigen Gewittern – also gewarnt werden. So weit, so gut. Ich frage mich aber, warum die Radio- und Fernsehsprecher das Wort “kräftig” nahezu ausnahmslos so übermäßig betonen. Spricht das Wort nicht für sich? Wird es erst glaubwürdig, wenn die Aussprache den Sinngehalt gleichsam verdoppelt?

Wem es einmal aufgefallen ist, dem wird “kräftig” zum Kraftwort, ja, zum Ohrwurm.

Gesichtszüge, entgleisend

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Ein unbekannter Nutzer hat kürzlich in meinem Blog eine Frage zum Ausdruck “entgleisende Gesichtszüge” gestellt und auf eine längere Diskussion http://german.stackexchange.com/q/22043/266 hingewiesen, an der er auch beteiligt war.

Ich war zunächst der Meinung, „entgleisende Gesichtszüge“ sei eine Metapher, ausgehend von der Grundbedeutung, daß ein Zug aus den Gleisen gerät. Darüber hinaus sei es ein durch die Polysemie von „Zug” bedingtes Wortspiel.

Der unbekannte Nutzer hat dann zu bedenken gegeben, daß nur entgleisen kann, was auf Gleisen/Furchen/Spuren fährt. „Gesichtszüge entgleisen“ bedeute dagegen, daß die (Gesichts-)Linien selbst die Konturen ändern (es fährt ja nichts auf ihnen). Weil der Vergleich mit anderen – rollenden – Zügen nicht stimmt, könne „entgleisen” hier keine Metapher sein.

Ich muß ihm recht geben, und bei längerem Nachdenken finde ich, daß die „entgleisenden Gesichtszüge“ auch als Wortspiel nicht funktionieren, ja sogar eine ausgesprochen schlechte sprachliche Konstruktion sind. Warum?

Unter dem Begriff „Gesichtszüge“ werden all jene Merkmale zusammengefaßt, die die Prägung und den Ausdruck eines Gesichts ausmachen: Form und Farbe der Augen, Augenbrauen, Schnitt von Mund und Nase, Wangenknochen, Kinn, Stirn, etc. Man spricht von ebenmäßigen, edlen, feinen, klassischen, slawischen, männlichen, weichen, sanften, strengen, verhärmten Gesichtszügen. Zu den markanten Gesichtszügen gehören der Schmollmund (Brigitte Bardot), eine krumme Nase (Barbra Streisand), ein spitzes Kinn (Michael Schumacher), kräftige Augenbrauen (Theo Waigel). Was, bitte, könnte da bei Kontrollverlust aufgrund von überwältigenden Emotionen entgleisen?

Unter entgleisenden oder entgleisten Gesichtszügen kann ich mir nichts konkretes vorstellen. Wer danach googelt, wird denn auch feststellen, daß die Bilder sich gar nicht gleichen und mehr oder weniger beliebig sind: Eine dümmlich grimassierende Miss Schweiz ist ebenso zu sehen wie ein aggressiv die Zähne fletschender Jürgen Klopp oder eine erschöpfte Angela Merkel. Mein Fazit: Da hat irgendein Journalist gemeint, er hätte ein tolles Wortspiel gefunden, es wird niemals hinterfragt, aber hundertfach kopiert, und dann denkt der Leser, dieses Wortspiel sei ihm seit jeher geläufig und habe eine womöglich jahrhundertealte Berechtigung. In Wirklichkeit ist die Konstruktion schlecht, weil daneben und obendrein unpräzise, und man sollte sie schleunigst vergessen.

Wer nicht weiß, was er stattdessen sagen oder schreiben soll: Weiche Gesichtszüge können sich verhärten, strenge Gesichtszüge können beim Lächeln entspannen, bei Dekonzentration oder Auflösung der Persönlichkeit zerlaufen. Die Gesichtsmuskeln können vor Angst einfrieren oder erstarren, man kann die Augen entsetzt aufreißen, den Mund oder das ganze Gesicht vor Ekel verziehen, gewollt oder ungewollt zur Grimasse oder im Schmerz verzerren, eine Kinnlade kann herunterklappen, eine Stirn sich in Falten legen, der Blick milchig werden. Man kann die Fassung verlieren. Das sind sehr konkrete Bilder, bei denen man den jeweiligen Gesichtsausdruck recht klar vor Augen hat und die obendrein den Gefühlszustand der Person ziemlich genau beschreiben (oder zumindest zu beschreiben versuchen).

Nachtrag vom Nachmittag: Und dann gibt es noch das wunderbare Bild, das Hellmuth Karasek 1994 in einer Filmrezension zitiert hat: Es geht um Walter Matthau, “von dessen Gesicht man schon damals sagte, es sehe aus, als hätte gerade jemand drin geschlafen”.

gnaz scöhn flebixel, die Deuschte Bhan

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Gestern lag für meinen Sohn ein Schreiben der Deutschen Bahn im Briefkasten:

flebixel 1

“Dinge einfach mal anedrs zu mahcen” – zwei Buchstabendreher in einem Halbsatz? Ich werde stutzig: auch einem mittelmäßigen Lektorat müßte das auffallen. Ich lese weiter: “ein bisschen flebixel anzugehen”, “Wie spotnan und flebixel My BahnCard wirlkich ist” und “Ganz eifnach selbst entedcken” – das ist des Falschen schlechterdings zu viel, das muß gewollt sein.

Hier ist es dann ganz offensichtlich:

flebixel 2 flebixel 3

Voll cool, die Deutsche Bahn, werden die angesprochenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sicher denken. Voll cool, daß die Bahn jetzt Werbetexte mit solchen Buchstabendrehern macht. Echt krass. (Und voll redundant, denke ich, daß Angehörige der Zielgruppe jetzt einen günstigen Kurztrip buchen können, wann immer sie sich in den Kopf setzen, das zu wollen.)

Auf der Webseite übrigens gibt die Bahn sich wieder seriös; dort finden sich keine Buchstabendreher. Die beiden Fehler (“My Bahn BahnCard 50” und statt des Relativpronomens das ein dass mit Doppel-s bei “ein Abo-Produkt …, dass in eine ermäßigte BahnCard übergeht”) waren wohl kaum beabsichtigt.

störrisch

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Irgendwie störrisch, diese Elsässer, möchte man meinen, wenn man die elsässische Weinstraße entlangfährt und die Schilder an den Ortseingängen betrachtet. In Geispolsheim sieht es so aus:

Storiche

In Turckheim so:

Storcka

Recherchen haben ergeben, daß es im Elsaß zwei nach Dialekt unterschiedene Varianten gibt: Storich für das Département Bas-Rhin (Unterelsaß), Storcka für das Département Haut-Rhin (Oberelsaß).

Die Vereinigung APRECIAL (Association pour la réintroduction de la cigogne en Alsace-Lorraine / Vereinigung für die Wiedereinführung des Storchs in Elsaß-Lothringen) täte dennoch gut daran, die Schilder auszutauschen – das Wort elsässisch (oder auch: elsassisch) wird nämlich auch auf elsässisch mit sch geschrieben.

In Battenheim (Haut-Rhin) ist das Schild seltsamerweise korrekt – auch Storckadorf ist hier zusammengeschrieben.

Verwunderlich ist ferner, daß APRECIAL auch Städte wie beispielsweise Munster als Storchendorf auszeichnet.

mein Freund, der Strandkorb

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Die Interrogativpronomina wer und was fragen nach Personen oder Sachen im Nominativ: Wer hat gelacht? Was hast du gesagt? Das Pronomen wer kann sich nur auf Personen, was dagegen nur auf Sachen beziehen.

Man kann sofort erkennen, daß das Verhältnis zum Strandkorb auf Hiddensee ausgesprochen innig ist:

mein Strandkorb

Erfolg – die 2.

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“Die US-Raumsonde New Horizons hat per Signal ihren erfolgreichen Vorbeiflug am Zwergplaneten Pluto bestätigt”, hieß es heute in den Inforadio-Nachrichten. Einen ähnlichen Wortlaut liest man auf tageschau.de: “Zum ersten Mal hat ein Flugkörper von der Erde den fernen Zwergplaneten Pluto erreicht. Die Raumsonde ‘New Horizons’ bestätigte in der Nacht per Signal den erfolgreichen Vorbeiflug.”

Nun ist das nach neun Jahren und fünf Milliarden geflogenen Kilometern sicher eine großartige Leistung, aber die Formulierung “erfolgreicher Vorbeiflug” ist trotzdem unsinnig, weil redundant. Der Vorbeiflug selbst ist ja der Erfolg. Oder hätte es einen erfolglosen Vorbeiflug geben können?

Vgl. schon hier: https://textundsinn.wordpress.com/2013/04/19/erfolg/

Sommerferien

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Man braucht nur eine Insel …” hat Mascha Kaléko vor vielen Jahren so schön gedichtet.

Die Deutschen kleben sich ihre Lieblingsinsel gerne wie ein Bekenntnis auf die Rückseite des Autos (auch wenn die Insel autofrei ist). Das sieht dann so aus:

Sylt

oder so:

Poel

oder so:

Darß Zingst

oder so:

Hiddensee

Eine Zeitlang war ich so sensibilisiert, daß ich geglaubt habe, in allem und jedem Inseln zu erkennen. So wie hier:

Eiskunstlauf

Die Ähnlichkeit mit Sylt ist frappierend, nicht wahr? Erst beim Näherkommen habe ich gesehen, daß ich in der falschen Jahreszeit war:

Eiskunstlauf 2
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