vélo volé

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Auf französisch reicht das immerhin für ein schönes Wortspiel. Auf deutsch wurde mir einfach das Fahrrad geklaut …

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Vorfreude

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Wenn man bedenkt, daß es seit Anfang September Zimtsterne, Dominosteine, Lebkuchen und Schokoladenweihnachtsmänner zu kaufen gibt und wir uns damit schon seit fünf Wochen auf Weihnachten freuen, wenn man ferner – mit Aldi Nord – unterstellt, daß die Vorfreude jetzt steigt, kann man sich gar nicht vorstellen, wie freudetrunken wir in elf Wochen herumlaufen werden, wenn wir Weihnachten tatsächlich feiern. Das wird ein Jauchzen und Fröhlichsein!

Vorfreude1

Vorfreude2

Da stört es dann auch keinen großen Geist, daß ein „Winter Sortiment“ angeboten wird, während wir kalendarisch wie meteorologisch nicht einmal in der zweiten Herbsthälfte angekommen sind.

(Ganz am Rande würde mich interessieren, was die Person bekommt, die sich das Schriftdesign einfallen läßt. Wahrscheinlich nicht viel …)

 

 

selber, selber …

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neue deutsche

Es klingt einfach, sieht idyllisch aus und kommt ganz harmlos daher.

Es ist aber perfide, denn mit „neuen Deutschen“ meint die AfD sicher keine Kinder von deutschen Müttern und irgendwelchen Vätern. Nur deutsche Väter sind gute Väter für „neue Deutsche“. Wahrscheinlich würde der ein oder andere hellhäutige katholische Ire, evangelische Schweizer oder auch atheistische Holländer als Vater geduldet. Deren Kindern würde man die halb fremdländische Herkunft ja nicht ansehen, und ein paar gute Europäer kann Deutschland durchaus gebrauchen. Was soll frau aber machen, wenn sie einen dunkelhäutigen Mann liebt? Einen Araber, einen Schwarzen, womöglich muslimischen Glaubens? Ist die Freiheit dieser (deutschen) Frau auch nicht verhandelbar?

Es sieht vielmehr so aus, als wolle die AfD uns vorschreiben, welche Männer wir als Väter unserer Kinder in Betracht ziehen dürfen und welche wir von vornherein ausschließen sollen. Deutsche vs. nicht-deutsche Kinder, werte vs. unwerte Väter (und Mütter, vice versa). Das ist nicht Freiheit; das ist das Gegenteil von Freiheit.

In diesem deutschen Eintopf möchte ich nicht schmoren.

 

Gender

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Vor drei Wochen hat Garth Greenwell, der das wunderbare Buch What Belongs to You geschrieben hat, bei Channel 4 News in einem Interview über LGBT-Rechte gesprochen und zu bedenken gegeben, daß der Kampf trotz mancher Errungenschaften (z. Bsp. der Ehe für alle) längst nicht gewonnen ist.

Daran mußte ich denken, als ich kurz danach in Berlin im Café Morgenrot zur Toilette ging und zwischen diesen Türen wählen konnte:

allgenders

inter

Kurz darauf habe ich in London nach einem Museumsbesuch einen Fragebogen ausgefüllt und zunächst gestutzt, als auf die Frage nach dem Geschlecht eine zweite Frage folgte:

freud-museum

Es ist sicher kein Zufall, daß das der Fragebogen im Freud-Museum war (das ich jedermann aufs beste empfehlen kann).

lapidarisieren

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In einem Bericht über die amerikanische Lehrerin Erin McAuliffe, die angeklagt ist, drei minderjährige Schüler sexuell mißbraucht zu haben, konnte man bei Stern/Neon vorgestern ein Interview mit dem Kinder- und Jugend-Psychiater und Traumaexperten Dr. Andreas Krüger lesen. In der Überschrift wird er mit dem Satz zitiert: „Bei Jungen wird sexueller Missbrauch oft lapidarisiert“.

Lapidarisiert? Was soll denn das bedeuten? Lapidar heißt „kurz und knapp“; es kommt von lat. lapis, der Stein (enthalten in Lapislazuli und Lapidarium), und hat etymologisch mit den knappen und präzisen Inschriften auf Steinen zu tun. Meinen tut der Psychiater aber, daß der sexuelle Mißbrauch bei Jungs verharmlost, bagatellisiert wird. Dagegen wollte er wohl behaupten, dies sei gerade keine Lappalie. Zu dem Wort Lappalie (einer spöttischen, latinisierenden Bezeichnung für eine belanglose Angelegenheit, abgeleitet von Lappen im Sinne von Lumpen) gibt es aber kein Verb, da bot es sich an, es mit „bagatellisieren“ zu vermischen.

Ich habe ein bißchen recherchiert; das Wort taucht selten, aber immer wieder mal auf; der bisher erste von mir im Netz gefundene Eintrag ist von Herp de Graaf und datiert vom 27. Juli 2004, 1:28 Uhr:

„kann falsch sein, vorher schon zu „lapidarisieren“,
aber wer weiß das schon, was tatsächlich geschehen wird,
Schrödingers Katze vielleicht…“

Zunächst findet man den Begriff nur in der Privatsprache von Blogs und Kommentaren, in der ja prinzipiell alles erlaubt ist, aber jetzt trifft man zunehmend in Zeitungsartikeln und Büchern darauf.

Hier ein paar Beispiele:

2005, Der Standard:
„Auch darüber erzählt Masannek gern: dass Fußball eine gute Schule (fürs Leben) sei, in der man lernt, ‚unter Druck und ohne Ausreden zu wachsen‘. Viel zu viel werde heute bei Kindern unter dem Motto ‚Macht doch nichts‘ lapidarisiert. ‚Den Kindern macht es schon was aus. Und sie entwickeln, wenn man sie lässt, auch einen gewissen Einfallsreichtum.’“

2011, Matthias H. W. Braun, Burnout-Watcher:
„Eine weit verbreitete Verhaltensweise ist das sogenannte ‚Lapidarisieren‘. Gerade sehr leistungsbereite und leistungsorientierte Menschen tendieren dazu, bereits Erreichtes im nachhinein gedanklich abzuwerten.“

2012, Naika Foroutan, „Wie geht die deutsche Gesellschaft mit Vielfalt um? Das Beispiel Muslime

Es geht um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ und darum, daß kritische Reaktionen auf dieses Buch „im Rückblick zu häufig in die Richtung tendierten, dieses Buch nicht als Stimmungsbild einer Gesellschaft zu deuten, sondern als Werk eines sich profilierenden Ex-Politikers zu lapidarisieren.“

Ein großer Fan des Wortes ist Carsten Müller von Jenakultur:
29.12.2015, Thüringische Landeszeitung
Kultur darf nicht lapidarisiert werden

In einem Gespräch mit Jenakultur-Chef Carsten Müller über Pläne für die Ernst-Abbe-Bibliothek, eine touristische Neuorientierung Jenas und über Geld heißt es:

„Was mich manchmal zornig macht, ist, wenn Kultur lapidarisiert wird. Kultur ist harte und wichtige Arbeit. Kultur ist ein harter Standortfaktor.“

11.1.2017, Thüringer Allgemeine
„‚Sexismus hat weder im Berufsleben noch in der Freizeit etwas zu suchen‘, sagt Carsten Müller. ‚Bei dem Treffen soll es darum gehen, wie Veranstalter auf dieses Problem noch besser reagieren können. Wir bei Jenakultur als Veranstalter neigen jedenfalls nicht dazu, das Thema Sexismus zu lapidarisieren.'“
Ich habe bisher keinen einzigen sprachkritischen Kommentar zu „lapidarisieren“ gefunden, und es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis der neue, unsinnige Gebrauch des Wortes Allgemeingut geworden ist und kein Mensch mehr nach dem Stein fragt.

KunstKochen

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Gewiß, Kochen hat manches mit Kunst zu tun: die phantasievolle Komposition der Gerichte, das malerisch-kunstvolle Arrangement der Speisen auf dem Teller. Rossini hat bekanntlich zuerst Opern geschrieben und sich dann aufs Kochen verlegt, und auch unter den bildenden Künstlern gab und gibt es überproportional viele Feinschmecker. Das ist alles geschenkt.

Doch sollte man dieses Verhältnis auch nicht überstrapazieren und Malerei und Kochen auf Teufel komm raus zusammenzwingen, wie es das Frankfurter Städel (man möchte meinen: eine Kulturinstitution) gerade tut, indem es sich dem Kommerz in Gestalt von Alnatura allerunterthänigst an den Hals wirft. Entstanden ist ein kulturindustrielles Projekt namens KunstKochen (schon wieder die Binnenmajuskel; sie erhöht die Bedeutsamkeit) – zwölf Kunstwerke aus dem Städel sollen die Klientel von Alnatura dabei zu „außergewöhnlichen Rezeptideen“ anregen.

Wie schief diese Idee ist, kann man schon an den verqueren sprachlichen Beschreibungen des Projekts festmachen. So steht auf der Webseite des Städels der mysteriöse Satz: „Das enge Verhältnis zwischen diesen beiden Disziplinen wird deutlich durch Stillleben, die gemalte Lebensmittel opulent in Szene setzen oder umgekehrt durch Künstler, die essbare Lebensmittel in ihre Kunst integrieren“ [Hervorhebungen von mir]. Was soll man dazu sagen?

Das erste Bild im Mai war Édouard Manets Krocketpartie, auf dem keine Lebensmittel zu sehen sind: 

Manet 1

Im Alnatura-Magazin (Mai) steht dazu ein recht schwachsinniger Text, der am Wesen der Malerei vollkommen vorbeigeht. Darin heißt es u. a., Manet gebe die Krocketspieler „in scheinbar ungekünstelten Posen wieder“. Ja, was ist denn Malerei? Welcher Maler hat seine Modelle in actu überrascht und ruckizucki abgemalt, als sie gerade ganz authentisch und ungekünstelt irgendwo nackt auf einer Decke lagen oder auf einem Pferd zum Kampfe zogen? Anders gefragt: Warum sollte ein Maler seine Modelle in ganz offensichtlich gekünstelten Posen darstellen?

Es wird noch schlimmer, nämlich moralisch: „Auch sind die beiden Paare keine Eheleute, sondern Manets Malerkollege Alfred Stevens, sein Freund Paul Roudier und zwei Modelle – die dargestellte bürgerliche Idylle erweist sich als Trugbild“.

Manet 2Trugbild wovon? Trugbild für wen? Das ist doch alles Quatsch! Das Bild heißt nicht ohne Grund „Krocketpartie“ und eben nicht „Ehe“ oder „bürgerliche Idylle“. Als ob der Betrachter dieses Kunstwerks eine real existierende, ungekünstelte bürgerliche Idylle sehen will und nicht vielmehr die künstlerisch gelungene Darstellung einer Krocketpartie.

immer der Nase nach

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„Ein Nasal (auch Nasallaut, deutsch Nasenlaut) ist ein nach seiner Artikulationsart benannter Konsonant. Bei den oralen Lauten legt sich der hintere, weiche Teil des Gaumens (das Velum) an die Rachenrückwand und verschließt so den Nasenraum. Bei den Nasalen wird ein oraler Verschluss erzeugt und das Velum senkt sich, so dass die Luft größtenteils durch die Nase ausströmt. Der Nasenraum und der von hinten bis zur Verschlussstelle reichende Teil der Mundhöhle dienen dabei als Resonanzraum. Nasale sind meist stimmhaft. … Das Deutsche kennt die (stimmhaften) Nasale ​[⁠m⁠]​, ​[⁠n⁠]​ und ​[⁠ŋ⁠]​.“ So steht es bei Wikipedia.

Im Chor werden Nasale beim Einsingen gesungen, um die Konzentration, das Aufeinanderhören und die Resonanzbildung zu trainieren.

Warum ich das hier schreibe? Ich weiß es auch nicht! Mir ist nur aufgefallen, daß Vodafone in seiner Werbung für das GigaDepot (Binnenmajuskel in der Eigenschreibung) nur Nasale – allerdings sehr inkonsequent – durcheinanderbringt.

gigadepot

Der Sinn hat sich mir nicht erschlossen. Irgendwer eine Idee?

 

 

 

Du siehst mich

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Fast vom Rad gefallen bin ich, als ich vor gut einem Jahr um eine Häuserecke bog und plötzlich dieses Plakat vor Augen hatte:

Kirchentag 2017 1

„Du siehst mich“ – wer soll dieses „Du“ sein? Und warum hat das Du oder das Ich – je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet – so farblose, ja, leblose Glubschaugen? Solche Augen können doch gar nicht sehen!

Jetzt, zum Evangelischen Kirchentag, sieht man diese Augen auf orangefarbenem Hintergrund auf allen möglichen Werbeträgern in der ganzen Stadt, und ich bin bei diesem Anblick immer wieder bestürzt und erschüttert.

Daß der Erfinder, Stefan Wegner von der Werbeagentur Scholz & Friends, von seiner Idee begeistert ist („Deutlicher kann man den freundlichen Blick, das offene Interesse am Gegenüber nicht darstellen“) und nicht mehr zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden kann („ich freue mich, wenn ich von diesen Augen gesehen werde“), muß nicht weiter verwundern. Wenn aber die Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au die beiden Kulleraugen, die bestenfalls einem Plüschtier gehören könnten, „fröhlich und einladend“ findet, wenn überhaupt ein solches Motiv als Logo für einen Kirchentag gewählt wird, kann man sich fragen, was für ein Gottesbild die evangelische Kirche vermitteln will und wie ernst sie sich und ihre Mitglieder nimmt.

Zugegeben, das Plakat ist ein echter Hingucker – aber geht es nur ums Hingucken? Gläubige wie Nichtgläubige können sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Menschen hier infantilisiert werden und der Glaube lächerlich gemacht wird – und damit wird ein Vorurteil bedient, gegen das die Kirche ohnehin und auch ohne solche Hingucker genug zu kämpfen hat.

Immerhin ist mir an der Gedächtniskirche ein ganz hübsches Photo gelungen.

Kirchentag 2017 2